„Text Neck“ – was soll das eigentlich sein?

Immer wieder hört man von selbsternannten Fachleuten, was man alles NICHT tun soll und wie schädlich etwas für den Körper ist. Eine häufig erwähnte und besonders verwerfliche Sache ist das Benutzen eines Smartphones und die damit verbundene Beugung des Nackens, was im Sprachgebrauch mit dem Etikett „Handynacken“ oder „Text Neck“ versehen wurde.
Komisch ist jedoch, wie ich finde, dass der „Büchernacken“ es nie zu solcher Berühmtheit geschafft hat und warum hat sich eigentlich früher niemand über den allseits bekannten „Steno-Nacken“ beklagt, als es noch Stenotypistinnen gab…Ich bin vielleicht einfach nur zu jung, um diese „Krankheit“ kennen gelernt zu haben.

Damals in der Bahn: Menschen leiden am „Zeitungsnacken“ – oder eben nicht. Bild von Stanley Kubrick, 1946

Fakten über Fakten

Eine kürzlich erschienene Studie von Damasceno et al (2018) untersuchte 150 Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren. Erfasst wurde unter anderem die Haltung während der Handynutzung und die daran verbrachte Zeit pro Tag. Das Ergebnis zeigte, dass keine Assoziation zwischen der Körperhaltung während der Smartphone-Nutzung oder der Nutzungsdauer mit Nackenschmerzen bestehen.

Eine andere Studie (Richards et al 2016) untersuchte bei über 1000 17-jährigen den Zusammenhang zwischen Sitzhaltung und Nackenschmerzen oder Kopfschmerzen. Auch hier zeigt das Ergebnis ganz klar, dass kein Zusammenhang zwischen Nackenschmerzen oder Kopfschmerzen und Sitzhaltung besteht. Vielmehr waren BMI, Geschlecht, Depression oder körperliche Aktivität für die verschiedenen Haltungstypen (siehe unten) verantwortlich.

Doch nicht nur für Jugendliche gibt es solche deutlichen Ergebnisse. In einer großen prospektiven Studie (Ariens et al 2001) über 3 Jahre mit 1334 Personen aus verschiedensten Berufen zeigte sich ebenso: Keine klare Assoziation zwischen häufiger Nackenflexion und Nackenschmerzen.

 

Die von Richards et al. (2017)  identifizierten Haltungscluster

Biomechanik vs. Realität

Wenn es um den Text Neck oder auch eine entspannte Sitzhaltung geht, liest man in den sozialen Medien häufig das Argument, dass die Last, welche auf die Wirbelsäule wirkt, bei vermehrter Flexion zunehmend steigt.

Doch in einer Zeit, in der das bio-psycho-soziale Modell vor allem im Umgang mit Schmerzen weitgehend anerkannt ist, scheint es mittlerweile etwas gewagt, allein biomechanische Untersuchungen 1:1 auf die Wirklichkeit zu übertragen. Eine freipräparierte Wirbelsäule ohne Muskulatur, intaktes Nervensystem und einem fühlenden Menschen dahinter spiegelt also sicher nur einen kleinen Teil des großen Gesamtbildes wider. So mussten Przyblya et al (2007) bei ihrem biomechanischen Untersuchungen der Bandscheibe anerkennen, dass eine von Muskeln freipräparierte Wirbelsäule, die post mortem gekühlt wird, sich durchaus anders verhält als die Wirbelsäule eines lebenden Menschen.

Vermutlich kommt der Irrglaube, gebeugte Haltung sei schlecht, von den Untersuchungen Alf Nachemsons über die Druckverhältnisse in der Bandscheibe aus dem Jahre 1981 (!!!) . Hier zeigte sich eben, dass sich der Druck bei gebeugter Wirbelsäule erhöht. So schlussfolgerten viele, dass dies gleichzeitig auch schlecht sei was nach sich ziehen würde, dass die optimale Therapie und Prävention darin bestehe, sich einfach nur hinzulegen. Jedoch ist wohl jedem klar, dass körperliche Aktivität das A und O ist – mit und ohne Rückenschmerzen.

Wie es scheint, wurde seine Arbeit aber falsch interpretiert- denn ebenso schrieb Nachemson in seinem Artikel „Work for all. For those with low back pain as well“ :

„The problem of low back pain is enormous in all industrialized societies. Attempts to decrease its impact by different educational, ergonomic, or treatment methods have generally failed. The deleterious effects of long-term absence from activity and work are well known. […] This new information may well serve as a basis for a new type of treatment for back pain–early, gradual, biomechanically controlled return to activity and work for the 80% of patients with back pain in whom no objective cause for the pain can be found after a thorough examination.“

Fazit

  • Smartphonenutzung hat keinen Einfluss auf die Entstehung von Nackenschmerzen
  • Mehr Zeit am Handy bedeutet nicht mehr Schmerzen
  • Sitzhaltung ist bei Jugendlichen nicht für Nacken oder Kopfschmerzen verantwortlich
  • Biomechanik spiegelt nicht immer die Realität wieder – vielmehr sollte man Untersuchungen diesbezüglich im bio-psycho-sozialen Kontex sehen
  • Der Text Neck scheint wohl etwas zu sein, das es nicht gibt: Eine mediale Erindung!

Literaturverzeichnis:

Ariëns GA, Bongers PM, Douwes M, Miedema MC, Hoogendoorn WE, van der Wal G, Bouter LM, van Mechelen W. Are neck flexion, neck rotation, and sitting at work risk factors for neck pain? Results of a prospective cohort study.Occup Environ Med. 2001 Mar;58(3):200-7.

Damasceno GM, Ferreira AS, Nogueira LAC, Reis FJJ, Andrade ICS, Meziat-Filho N. Text neck and neck pain in 18-21-year-old young adults. Eur Spine J. 2018 Jan 6. doi: 10.1007/s00586-017-5444-5.

Nachemson AL. Disc pressure measurements. Spine (Phila Pa 1976). 1981 Jan-Feb;6(1):93-7.

Nachemson A. Work for all. For those with low back pain as well.Clin Orthop Relat Res. 1983 Oct;(179):77-85.

Przybyla AS, Skrzypiec D, Pollintine P, Dolan P, Adams MA. Strength of the cervical spine in compression and bending. Spine (Phila Pa 1976). 2007 Jul 1;32(15):1612-20.

Richards KV, Beales DJ, Smith AJ, O’Sullivan PB, Straker LM. Neck Posture Clusters and Their Association With Biopsychosocial Factors and Neck Pain in Australian Adolescents. Phys Ther. 2016 Oct;96(10):1576-1587. Epub 2016 May 12.

 

 

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