Mit der Machete durch den Ernährungsdschungel: Ist Ernährung vielleicht egal?

Jupp Heynckes ist neuer (alter) Trainer beim FC Bayern. Schließlich musste eine Veränderung her; die Bayern standen unter Ancelotti schließlich schon am ersten Spieltag nicht auf Platz 1 der Bundesliga-Tabelle, waren im Pokal noch nicht ausgeschieden und hatten in der Champions League nach einem desaströsen 3:0-Gewinn im ersten Spiel nun das zweite jämmerlich gegen Paris St. Germain verloren. Gegen Paris!!!

Nein, Spaß beiseite 😉 Ich mag den Jupp und freue mich, dass er zurück beim FC Bayern ist. Immerhin habe ich unter ihm die beste Saison des FC Bayern erlebt, seitdem ich mich für Fußball interessiere, und den Gewinn des Triples wie eben in der Saison 2012/2013 konnte ihm auch ein Pep Guardiola nicht nachmachen. Unabhängig vom Fußball jedoch machten mich die von Jupp angeordneten Veränderungen im Arbeitsalltag der Bayern auf ein ebenfalls oftmals diskutiertes Thema aufmerksam: das Thema „Ernährung“. „Ernährungsberater werden total überbewertet. Der Kopf muss mitmachen“, wird Heynckes gleich in mehreren Artikeln zitiert. Nach Lesen dieses Zitates stockte mir zuerst der Atem, anschließend wurde mir schlecht und ich wollte sofort meine Empörung in die Umgebung hinausschreien: „Sag mal, spinnt der?“ Eine Minute später, nachdem ich mich beruhigt hatte, kam mir jedoch der Gedanke: „Hat er vielleicht Recht?“

Mit der Machete…

Um es vorwegzunehmen: Nein, in diesem Artikel soll es nicht darum gehen, Menschen dazu zu ermuntern, jeden Sch*** in sich hineinzustopfen und im Schnellrestaurant, dessen Logo ein goldenes „M“ prägt, zum Stammkunden zu mutieren. Jedoch haben wir alle uns doch schon einmal gefragt, wie wir uns am besten ernähren sollten, um ein gesundes und vitales Leben führen zu können. Es gibt unzählige Tipps & Tricks, um abzunehmen, und noch mehr Ratschläge, was man lieber nicht mehr essen sollte, da man sonst zunimmt, ohne es zu merken (macht ja auch sehr viel Sinn! Achtung: Ironie!). Erst gestern wurde auf der Facebook-Seite der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin (DZSM) ein Artikel aus der FAZ geteilt, der sehr kurz und provokant zusammengefasst besagt: „Mineralwasser macht dick!“ Aus meinem Frust, dass ein wissenschaftliches Journal so etwas auf seiner Facebook-Seite teilt, ohne es kritisch zu hinterfragen, heraus kommentierte ich nur hämisch: „Sage ich ja schon seit Jahren: Lieber Cola trinken! 

… durch den Ernährungsdschungel

Ja, ich weiß, nicht das Mineralwasser soll Schuld sein, sondern die darin enthaltene Kohlensäure, und ja, ich weiß auch, dass es tatsächlich mehrere Studien dazu gibt, dass Kohlensäure eben appetitanregend wirken, weshalb man durch die vermehrte Nahrungsaufnahme dick werden soll. Dieses Beispiel zeigt jedoch sehr schön, wie es häufig in der Ernährungsindustrie zugeht. Irgendwo auf der Welt erscheint eine neue Studie, welche dies oder jenes schlussfolgert, und sofort erscheint ein neues Buch mit dem Titel „Die Tomaten-Lüge. Warum Nachtschattengewächse dich krank machen“ (ja, ich weiß, dass in manchen Ernährungsphilosophien tatsächlich ein negativer Einfluss von Nachtschattengewächsen auf die Gesundheit propagiert wird), dem dann mehrere Artikel in großen deutschen Boulevard-Zeitungen mit Überschriften wie „Wissenschaftlich bestätigt: Tomaten sind ungesund!“ folgen.

Ernährung in der Wissenschaft

Nein, mit einer und auch mehreren Studien ist noch nichts „wissenschaftlich bestätigt“! Es gibt mehr Voraussetzungen dafür, bis man etwas als „wissenschaftlich bestätigt“ tatsächlich annehmen darf und interessanterweise werden Dinge in der Wissenschaft häufig so kritisch betrachtet, dass ich noch nie einen Wissenschaftler hab sagen hören: „Das ist wissenschaftlich bestätigt!“ Spätestens wenn ich in den Zeitschriften dieser Welt lese „Forscher/Wissenschaftler haben herausgefunden…“ oder „Studien belegen…“ klingeln bei mir die Alarmglocken und es ist ein Zeichen, da noch einmal genauer hinzusehen.

Aber zurück zur Ernährungswissenschaft und zu einer Verteidigung dieser. Des Öfteren keimt Kritik an der Ernährungswissenschaft auf. Sie sei veraltet oder tue nichts dafür, das herauszufinden, was sowieso schon jeder weiß, heißt es oftmals. Neulich ließ mich eine Aussage eines selbsternannten Schmerzexperten, der seinen Patienten ebenfalls (vegane) Ernährungstipps an die Hand gibt, zusammenzucken: „Die Wissenschaft weiß halt noch nicht, was wir schon längst wissen.“ Wie bitte? Wie geht das denn?
Man muss zugeben, dass es die Ernährungswissenschaft tatsächlich sehr schwer hat. Als Methoden stehen nahezu nur Labor- oder Tierversuche, die halt nur bedingt Aussagen auf den lebenden menschlichen Organsimus zulassen, Querschnittstudien, bei denen es oftmals sehr schwer ist, einen einzelnen aus unzähligen Parametern herauszupicken, und Langzeitstudien, die, wie es der Name schon sagt, eben längere Dauer benötigen, um auch nachhaltige Effekte festzustellen, zur Verfügung. Vielen Menschen dauern diese Methoden jedoch zu lange, weshalb sie sich auf schnelle nicht überprüfte Ergebnisse stürzen. So passiert es, dass es inzwischen unzählige Ernährungsweisen und -philosophien gibt, die sich teilweise vollkommen konträr gegenüber stehen, wobei jedoch jede für sich das Siegel „wissenschaftlich bestätigt“ beansprucht. Es wird deutlich, dass dort etwas nicht stimmen kann.

Die zur Verfügung stehende Machete

Eine mir oftmals von Patienten und Klienten gestellte Frage lautet deshalb: „Wie soll man sich denn da zurecht finden? Was ist denn jetzt das Richtige?“ Erneut wird auch hier wieder ein Faktor deutlich, der gerne aus Gründen des Marketings verbreitet wird, um die Menschen in ihrer Hilflosigkeit zum Kauf zu bewegen: Es wird Angst und Unsicherheit geschürt – und das, wie man an diesen sich häufig wiederholenden Fragen erkennen kann, mit Erfolg. Wir alle streben nach einem langen und gesunden Leben und könnten es uns nur sehr schwer verzeihen, wenn wir uns all den guten Ratschlägen, wie dies eben zu erreichen ist, widersetzt hätten, obwohl es die anderen doch besser wussten. Ich versuche, uns alle zu beruhigen: Sie wussten es nicht besser.

Natürlich gibt es sehr gute Hinweise für manche Ernährungsgrundsätze, an die wir uns halten sollten. So wird der übermäßige Verzehr von rotem oder stark verarbeitetem Fleisch immer wieder mit der Entstehung verschiedener Krebsarten in Verbindung gebracht (das bedeutet nicht, dass wir nie wieder Fleisch essen dürfen!). Dass Obst und Gemüse nicht wirklich ungesund sind und die Ernährungsgrundlage bilden sollten, dürfte auch jedem klar sein. Ein ehemaliger Dozent von mir, der Ernährungsmediziner war, sagte in einem unserer Seminare auch einmal einen Satz, den ich für ziemlich intelligent hielt: „Generell ist wohl ein Zu-viel an Dingen schlecht. Ist man zu viel Fleisch ist das wohl genauso schlecht wie zu viel Weißmehlprodukte. Wo diese Grenze zum Zu-viel überschritten ist, ist wohl für jeden Stoff unterschiedlich, aber glaubt mir, euer Körper wird euch das schon rückmelden. Ihr solltet dann eben die Zeichen der Zeit erkennen und etwas ändern. Aber glaubt mir, wenn alles bei euch in Ordnung ist, solltet ihr nicht wegen eines hellen Brötchens sterben!“ Daten für dieses Statement habe ich leider nicht, fand die Aussage jedoch dennoch sehr schlau 😉

Ein Plädoyer für individuelle, bewusste und wertebezogene Ernährung

Um eine für sich selbst geeignete Ernährungsweise zu finden, spielen natürlich neben den der Wissenschaft zu entnehmenden Grundsätzen aber auch weitere Aspekte eine Rolle. Einer dieser Aspekte ist definitiv dieser der Ethik und Moral. (Bitte den folgenden Absatz zu Ende lesen!) Bei Menschen, die sich dazu herablassen, mehr Zeit als notwendig mit mir zu verbringen (andere nennen sie Freunde), ist bekannt, dass ich etwas ungehalten darauf reagiere, wenn Menschen mich bezüglich einer bestimmten Ernährungsweise missionieren wollen. Ich lasse jedem Menschen seinen eigenen Lebensstil, zu dem eben auch die individuelle Ernährungsweise gehört, und finde es wirklich lobenswert, wenn Menschen ihrem eigenen Wertesystem folgen, da uns das, wie ich finde, etwas glücklicher oder besser gesagt beruhigter Leben lässt. Deshalb lasse ich, wenn meine Mitmenschen mit mir über ihre beispielsweise vegane Ernährungsweise (ich habe einige vegane Freunde) reden, ausschließlich Argumentationen mit ethisch-moralischen Gründen zu, solange diese Argumentationen nicht bewusst versuchen, mein eigenes Wertesystem anzugreifen bzw. nach anderen Vorstellungen umzuformen.
Wenn etwas für mich Sinn ergibt oder mich meine eigenen Einstellungen überdenken lässt, überarbeite ich mein inneres Wertesystem automatisch und passe es dementsprechend an. So passierte es auch, dass ich kleiner Bauernjunge (womit ich gerne kokettiere 😀 ), der auf einem kleinen nebenberuflich betriebenen landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden ist, nach Verlassen der heimatlichen Gefilde sich dazu entschloss, nach alter Tradition den Freitag als Fisch- und den Sonntag als Fleischtag (so bekommt das Wort „Sonntagsbraten“ auch wieder einen Sinn 😉 ) zu erklären und unter der Woche demnach kein bis nur ausnahmsweise Fleisch zu verzehren. Dies ist eine Art und Weise, wie ich nur für mich selbst vorgehe, sodass ich mit meinen inneren Einstellungen im Einklang leben kann, da mir mit der Zeit bewusst wurde, dass das Fleisch aus dem Supermarkt eben nicht so aussieht und nicht so schmeckt wie jenes, das ich aus den heimatlichen Ställen (die inzwischen auch schon einige Jahren leer stehen) oder aus denen der Nachbarn kannte.
Sobald bei der manchmal zur tatsächlichen Missionierung neigenden Argumentation jedoch auch Argumente der Gesundheit angebracht werden („Es ist bewiesen, dass es ungesund ist, Fleisch zu essen/Milch zu trinken/Honig zu verzehren…“), verlange ich nach Daten und Beweisen, die ich dann selbst noch einmal überprüfen darf, sodass dann auch mit meiner Gegenargumentation gelebt werden muss. Generell bei gesundheitlichen Empfehlungen: Beweise es! Denn – ich übersetze ein Zitat von W. Edwards Deming – „[o]hne Daten bist du auch nur eine weitere Person mit einer Meinung“.

Ein weiterer zu beachtender Aspekt unabhängig von wissenschaftlichen Empfehlungen ist dieser der Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die ohne Umweg die eigene Ernährungsweise beeinflussen. Wer auf bestimmte Lebensmittel allergisch oder mit Unverträglichkeiten reagiert, sollte diese Lebensmittel eben bestmöglich meiden. Auf den kompletten Verzehr von Lebensmittel zu verzichten, ohne jedoch auf diese mit Unverträglichkeiten zu reagieren, ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn, solange die eigenen ethisch-moralischen Vorstellungen dabei nicht angegriffen werden. Interessant wäre es hier, herauszufinden, warum Allergien und Unverträglichkeiten (und damit meine ich tatsächliche Unverträglichkeiten, welche eine körperliche Reaktion nach sich ziehen und definitiv mit dem Verzehr bestimmter Lebensmittel oder Stoffe in Verbindung gebracht werden können) heutzutage tatsächlich vermehrt aufzutreten scheinen, jedoch kann es sich dabei auch um eine fälschliche Wahrnehmung meinerseits handeln. Hoffentlich gibt es irgendwann Mittel und Wege Allergien und Unverträglichkeiten gezielt und nachhaltig zu behandeln, da ich selbst weiß, wie nervig es ist, früher geliebte Nahrungsmittel wie beispielsweise einen Apfel nicht mehr verzehren zu können.

Weniger ist mehr und gemeinsam is(s)t man stark!

Es war nicht mein Ziel, mit diesem Artikel bestimmte Ernährungsweisen zu diffamieren oder andere wiederum auf einen Podest zu heben. Mir geht es viel mehr darum, Menschen eben einen Weg durch den Ernährungsdschungel zu zeigen und ihnen eben eine kleine Machete an die Hand zu geben, um sich durch diesen Dschungel hindurchzukämpfen. Die Ernährungswissenschaft muss auf jeden Fall noch einige Arbeit leisten, um den Menschen weitere Waffen an die Hand zu geben und für Klarheit zu sorgen. Vielleicht hilft es manchmal jedoch auch, das Ernährungsthema tatsächlich nicht so wichtig zu nehmen und wie Jupp Heynckes eben sagt, sich keinen zu großen Kopf zu machen, sondern diesen für die wichtigen Dinge im Leben frei zu haben. Dass weniger manchmal mehr ist, zeigen auch vermehrte Ergebnisse aus der Fastenforschung, die mehr und mehr auch die positiven Effekte des bewussten oder auch unbewussten Verzichtes auf Nahrung bestätigen. Auch hier sind natürlich noch einige Fragen offen, die es für die Zukunft zu klären gilt, jedoch sollte auch das Thema des zeitweisen Nahrungsverzichtes in unseren Köpfen bleiben
Da sich viele Menschen vorrangig mit dem Ernährungsthema auseinandersetzen, um abzunehmen, kann man auch hier noch auf eine alte Formel verweisen: Verbrenne mehr Kalorien, als du zu dir nimmst und du wirst unweigerlich abnehmen! Dass natürlich eine ausreichende Versorgung an Nährstoffen dabei auch eine Rolle spielen muss, ist selbstverständlich, da man ansonsten zwar abnimmt, aber ungesund lebt, was natürlich auch niemand möchte. Hier gilt dann wohl wieder der Grundsatz des oben angesprochenen Zu-viels: Jedes Zu-viel an bestimmten Stoffen ist eben ungesund – und ein Zu-wenig eben auch. Dass auch das Kalorienmodell zuletzt in die Kritik geriet, konnte ich neulich in einem verwunderlichen  Artikel lesen, der sich eben mit den Fragen beschäftigt, die sich ein jeder schon einmal gestellt hat: Ist eine Kalorie für jeden gleich eine Kalorie?  Auch wenn die Forschung dahinter diese Frage zu verneinen scheint, kommt der Artikel jedoch glücklicherweise zu dem Entschluss, dass das Kalorienmodell eben ein Modell ist, das als Richtlinie eben dennoch geeignet ist, um wenigstens eine ungefähre Planung zu haben. Am Ende entscheidet dann sowieso der allgemeine Lebensstil mit ausreichend integrierter Bewegung bei gleichzeitiger bewusster Ernährung.
Dies sollte auch das oftmals zitierte, aber selten wirklich gelebte Stichwort sein: bewusste Ernährung. Jeder redet davon, jedoch setzen es nur wenige tatsächlich um. Denn manchmal geht es bei der Ernährung gar nicht um die tatsächlichen Inhalte, sondern viel mehr darum, dass man die Nahrungsaufnahme auch wieder zelebriert, um sie so eben bewusst wahrzunehmen. Für viele sind nämlich die Inhalte viel weniger entscheidend als die Mengen an Nahrung. Vor einem Computer oder dem Fernseher verzehrt wird die Nahrungsaufnahme nur zu einem unbewussten, eben nebenbei ablaufenden Prozess, der eben den roboterähnlichen automatisierten und möglichst ökonomisierten sowie losgelösten und somit oftmals egozentrischen Lebensstil vieler Menschen widerspiegelt. Vielleicht jedoch bedeutet das Bewahren althergebrachter Traditionen gar nicht immer auch gleichzeitig das unnötige Festhalten an alten Strukturen und die damit verbundene Unterdrückung des Fortschritts. Vielleicht ist das gemeinsame Abendbrot mit der Familie, bei dem das Essen die Grundlage des sozialen Miteinanders, für einen gemeinschaftlichen Austausch sowie die Zusammenkunft und Kommunikation innerhalb dieser besonderen und einzigartigen sozialen Gruppe darstellt, viel mehr als nur die bloße Nahrungsaufnahme zum Energieerhalt. Vielleicht sollte Essen nicht nur um des Essens willen stattfinden, sondern viel mehr um der Gemeinschaft willen geschehen. So wird dem Thema vielleicht etwas der Druck genommen, sodass auch andere Bereiche des Lebens mehr in den Vordergrund rücken, die für die Gesundheit evtl. viel wichtiger sind als die Gedanken darüber, ob Tomaten denn nun gesund oder ungesund seien. Wir wissen, dass der Körper nach den Stoffen verlangt, die er benötigt, dass er Appetit auf das hat, was er braucht. Vielleicht interpretieren wir unseren Hunger an manchen Stellen eben nur falsch, sodass wir versuchen die Löcher in unserem Magen mit Stoffen zu füllen, wo er doch viel mehr nach Emotionen verlangt. Jupp Heynckes zumindest scheinen diese Erkenntnisse bewusst geworden zu sein, ordnete er beim FC Bayern doch auch an, dass fortan „die Spieler nach den Einheiten wieder gemeinsam essen.“

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