Gordon Wadell: Ein Modell seiner Zeit vorraus?

Im Jahr 1987 erhielt Gordon Waddell den Volvo Award in Clinical Science für seine Arbeit „A New Clinical Model for the Treatment of Low-Back Pain“. Was er zu dieser Zeit bereits über Rückenschmerzen schrieb bzw. was aufgrund der Studienlage zu seiner Zeit bereits hätte bekannt sein können, ist mehr als beachtlich.

Die Schlüsselpunkte der Publikation

  • 80% aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens eine Episode mit Rückenschmerzen durchleben.
  • 80-90% dieser Menschen mit Rückenschmerzen werden innerhalb von 6 Wochen wieder völlig schmerzfrei – ungeachtet der Art der Behandlung – sein
  • Beim Befund sollte es nicht nur um die physischen  „Abnormalitäten“ gehen, sondern auch um die Überzeugungen, Einstellungen, Sorgen und das Krankheitsverhalten der Klagenden. Es sollte ebenso die schmerzbedingten Alltagseinschränkungen, wie z. B. die vergangenen Erfahrungen mit Schmerzen, der Überzeugungsgrad des Patienten, dass Schmerz gleich Schädigung bedeutet, sowie der Umgang des Patienten mit seinen Schmerzen, beachtet werden,
  • Rückenschmerzen treten nicht automatisch vermehrt mit höherem Alter auf und korrespondiert nicht mit den altersbedingten Degenerationen der Wirbelsäule
  • Sobald ein Patient mit Rückenschmerzen einen Therapeuten oder Arzt konsultiert, verändert dieser mit dem Gesagten und der Therapie die Überzeugung, wie der Patient seine Erkrankung wahrnimmt, viel mehr als durch die eigentlichen aktuellen physischen Einschränkungen
  • Chronische Schmerzen sind ein völlig anderes klinisches Syndrom als akute Schmerzen und sollten deshalb auch anders behandelt werden
  • Schonung und körperliche Inaktivität macht die Rückkehr in den Job schwieriger
  • Es sollte ein verstärkt bio-psychosozialer Ansatz zur Behandlung von Rückenschmerzen gewählt werden

All das war bereits 1987 bekannt und deshalb scheint es doch umso rückständiger, wenn ich als Physiotherapeut versuchen muss, den Patienten wieder auszureden, was ihnen viele Orthopäden erzählen: „Beugen Sie sich nicht nach vorne, da dies schädlich für die Bandscheiben ist.“ (Leider nur ein Beispiel von vielen 🙁 )
Zudem spricht man fälschlicherweise noch immer von Blockaden, rückenschonendem Heben und falscher Haltung.
Aufgrund der vergangen 30 Jahre und in Anbetracht der Tatsache, dass all diese Dinge nun schon so lange bekannt sind, sollte man auch beginnen, über die „ISG-Blockade“ und die arme, viel zu häufig beschuldigte Bandscheibe nachzudenken.


Literatur:

Wadell G. 1987 Volvo award in clinical sciences. A new clinical model for the treatment of low-back pain. Spine (Phila Pa 1976). 1987 Sep;12(7):632-44.

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