„Wie soll ich denn jetzt laufen?“: Keep it simple!

Falls ihr unseren letzten Artikel über Verletzungen und ihre Ursache beim Laufen noch nicht gelesen habt, solltet ihr das unbedingt tun! Hier werde ich nochmal zwei widersprüchliche Studien präsentieren und erläutern, warum alles richtig ist, was ihr im letzen Artikel lesen konntet.

Wie ausführlich dort beschrieben stimmt eigentlich relativ wenig, was man sich über die Pathologie von laufassoziierten Verletzungen erzählt. Doch dann postete neulich eine Facebook-Seite, welche sich mit Studien rund um die Physiotherapie beschäftigt, folgenden Artikel:

In der vorliegenden Studie wurde die Interventionsgruppe angeleitet, ihr Laufmuster auf einen Vorfußlauf umzustellen. Dadurch reduzierten sie die Bodenkontaktkraft, um so die Belastung für das Knie zu reduzieren. Die Teilnehmer beider Gruppen wussten, ob sie in der Interventions- oder Kontrollgruppe waren. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Gruppe beim Training auf dem Laufband Anweisungen erhielt,  die andere hingegen lediglich zum Laufen auf dem Laufband in der Uni antrat, ohne dabei Anweisungen zu erhalten. Jede Gruppe enthielt zudem nur 8 Teilnehmer.

Das Ergebnis: Signifikante Abnahme der Knieschmerzen., woraus die Autoren folgerten, dass die Schmerzreduktion aufgrund des veränderten Laufstils auftrat.

Stimmt jetzt alles doch nicht mehr ?

Am besten und anschaulichsten lässt sich dies mit einer anderen Studie erklären. Escoulier et al. (2017) untersuchten ebenfalls den Einfluss vom sogenannten Gait Retraining, der Umstellung auf einen anderen Laufstil, auf patellofemorale Schmerzen. Allerdings verglichen sie den Einfluss  verschiedener Interventionen miteinander und nicht nur mit einer einzigen Interventionsgruppe. Insgesamt hatten sie drei Gruppen.

  1. Gruppe „Education“:
    Sie sollten ihre Laufpensa den Symptomen anpassen: Eine höhere Trainingsfrequenz, dafür kürzere Strecken und ein langsameres Tempo. Die Probanden sollten bergab- und das Laufen von Treppen vermeiden. Der Schmerz sollte nur 2/10 (VAS) während des Laufens stark sein und sollte innerhalb von 60 Minuten nach Beendigung des Trainings genau so stark wie vor dem Training sein. Bei Verbesserung der Symptomatik wurde eine graduelle Steigerung vorgenommen (zuerst die Distanz, dann die Geschwindigkeit und Steigung).
  2. Gruppe „Exercise“:
    Zusätzlich zur Edukation wie in Gruppe 1 absolvierten alle Teilnehmer dieser Gruppe ein standardisiertes Heimübungsprogramm zur Verbesserung der Kraft sowie dynamischen Kontrolle der unteren Extremität. Dieses Programm wurde ebenfalls graduell gesteigert. Das Training fand 3-4 mal pro Woche statt mit einer Dauer von 20 Min. Die Balance-Übungen sollten täglich ausgeführt werden
  3. Gruppe „Gait Retraining“:
    Zusätzlich zur Edukation erhielt jede Person dieser Gruppe ein persönliches Lauftraining. Ziel war die Umstellung auf einen Vorfußlaufstil.

…und das Ergebnis?

Die Endergebnisse aller drei Gruppen gleichen sich und weisen keine signifkanten Unterschiede auf. Das bedeutet, dass spezielle Übungen und eine Laufstilumstellung keinen zusätzlichen Effekt auf die laufassoziierten Schmerzen hatten. Die Kräftigungsgruppe hatte zwar eine gesteigerte isometrische Kraft, am eigentlichen Ergebnis änderte dies jedoch nichts. So könnte man schlussfolgern, dass zum einen eine simple Modifikation namens Load Management (Belastungsdosierung, -steuerung) eine Besserung bringt – womöglich aufgrund der anderen Reize. Vielleicht ist der Effekt jedoch auch rein psychologischer Natur: „Es wird etwas gemacht. Jemand nimmt sich meiner an. Man erklärt mir, wie ich mit meinen Schmerzen beim Laufen umgehen soll“.

Wie in den roten Kästen zu sehen, veränderte sich die vertikale Belastung sowie die Belastungsrate des Patellofemoralen Gelenks in der Gait retraining Gruppe deutlich. Hatte aber auf das Endergebnis – gleich verminderte Schmerzen aller Gruppen – keinen Einfluss. Wiederum müssen wir zur Erkentniss kommen, dass die Belastung keinen direkten Zusammenhang mit Schmerzen hat, denn in der Education Gruppe, veränderte sich diese nicht, das Outcome war jedoch gleich positiv

Diese Ergenbisse passen perfekt zu der wachsenden Evidenz für die psychologische Komponenete beim patellofemoralen Schmerzsyndrom. So sind Angst, Depressionen, Katastrophisierung und Angst vor Bewegung vermehrt bei Menschen mit patellofemorelen Schmerzen festzustellen. All diese psychologischen Faktoren können wiederum zu verminderter Aktivität und Funktion führen. (Maclachlan et al. 2017)

Bevor also versucht wird, die gesamte Kinematik zu verändern, sollte viel mehr an den Preferred Movement Path gedacht werden und besser versucht werden, das Lauftraining bzw. seine Trainingsparameter an sich (Intensität, Geschwindigkeit, Frequenz) innerhalb eines durchdachten Load Management zu modifizieren und graduell zu steigern.


Literaturangaben:

Esculier JF, Bouyer LJ, Dubois B, Fremont P, Moore L, McFadyen B, Roy JS. Is combining gait retraining or an exercise programme with education better than education alone in treating runners with patellofemoral pain?A randomised clinical trial. Br J Sports Med. 2017 May 5. pii: bjsports-2016-096988. doi: 10.1136/bjsports-2016-096988

Maclachlan LR, Collins NJ, Matthews MLG, Hodges PW, Vicenzino B. The psychological features of patellofemoral pain: a systematic review. Br J Sports Med. 2017 May;51(9):732-742. doi: 10.1136/bjsports-2016-096705. Epub 2017 Mar 20.

Roper JL, Harding EM, Doerfler D, Dexter JG, Kravitz L, Dufek JS, Mermier CM. The effects of gait retraining in runners with patellofemoral pain: A randomized trial. Clin Biomech (Bristol, Avon). 2016 Jun;35:14-22. doi: 10.1016/j.clinbiomech.2016.03.010. Epub 2016 Apr 7.

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