Der Functional Movement Screen (FMS): Von Versprechungen zur Wirklichkeit

Zugegeben, eine große Überraschung ist es nicht, gibt es ja schon einige Studien darüber. Doch jetzt erschien wieder eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zum Functional Movement Screen, welche erneut bestätigt: Durch das Ergebnis, den Score, des FMS kann keine Vorhersage zu auftretenden Verletzungen getroffen werden. (Moran et al. 2017)
Schon vor geraumer Zeit erschien zudem ein Review, welches die Intra- und Interrater-Reliabilität bewertete. Hier kam der FMS nicht ganz so schlecht weg und erhielt das Siegel „moderate Evidenz„: Es konnten übereinstimmende Ergebnisse bei einem sowie zwischen verschiedenen Ratern erzielt werden, solange es sich um geschulte sowie erfahrene Rater handelte (Moran et al. 2016). Somit ist der FMS zumindest reliabler als so mancher Vorlauftest zur Bestimmung einer ISG-Blockade. Jedoch nutzt die beste Reliabilität bzw. Objektivität wenig, wenn der Test nicht das aussagt, was er verspricht, d.h. das Ergebnis an sich mehr oder weniger irrelevant ist.

Die Problematiken des Functional Movement Screens

Da mit dem FMS anhand von sechs (und inzwischen auch mehr) Bewegungsaufgaben bzw. -tests Aussagen über die Verletzungsanfälligkeit von Sportlern und körperlich Aktiven getroffen werden sollen, schreit so manchem schon lautstark ins Gesicht, dass hier etwas nicht funktionieren kann. Egal ob Profi- sowie Leistungs- und Breitensportler oder eben nur die Nachbarin, welche ihre tägliche Bewegung mit der körperlich anspruchsvollen Arbeit im Garten verbindet: Sie und ihre gesamtkörperlichen oder viel mehr  -menschlichen Systeme können keinsefalls in ihrer Komplexität anhand von sechs Tests, deren Funktionalität trotz des verlauteten Anspruches auf diese fragwürdig erscheint, erfasst werden.

Folgende Punkte werden unter anderem hierbei nämlich aufgrund der Reduzierung eines vielseitigen Komplexes auf wenige Bewegungsmuster des bewegten Alltages ignoriert:

  • Psyche (Erwartungen, Überzeugungen, Erfahrungen usw.)
  • Lineare und laterale Beschleunigung, schnelle Richtungswechsel etc.
  • Kardiovaskuläre Ausdauer
  • Sportart- und Alltagsspezifität  (ein Gewichtheber wird gleich „gescreent“ wie Tennisspieler, Langstreckenläufer oder ein Schreibtischathlet)

Ein weitere Schwachpunkt liegt meiner Meinung nach in der Progression der Übungen. So sollte man für den Fall, dass die tiefe Kniebeuge nicht den von Functional Movement Systems vorgegebenen Kriterien entspricht, sehr unspezifische nach einem ebenfalls von Functional Movement Systems  bestimmten Schema vorgegebene Übungen trainieren, um eben dieses Bewegungsmuster zu verbessern. Aber wie verbessert man eine tiefe Kniebeuge? Indem man eine tiefe Kniebeuge macht – und nicht etwas anderes übt!

Bewegungen analysieren

Im Grunde ist der FMS allgemeien ein schönes Mittel, um sich tatsächliche Bewegungsmuster anzusehen und nicht nur stupide die Statik zu bewerten. Die FMS-Tests sind zwar als solche nicht aussagekräftig, jedoch bleiben die Übungen, die simpel sind und vorher auch schon bekannt waren, bestehen und gehören als Klassiker in das Repertoire eines jeden Trainers, um den Menschen wieder mit einfachen Mitteln gezielt in Bewegung zu bringen. Andererseits sollte die Interpretation des FMS-Scores auch nur mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen über den FMS im Hinterkopf vonstatten gehen und deshalb nicht überbewertet werden. Generell sollte besonders aufgrund der erschlagenden Gegenargumente hinterfragt werden, ob der FMS in dieser Form weiterhin gegen die Bezahlung von viel Geld gelehrt werden sollte oder ob es nicht Zeit ist, andere Wege mit eigenen Bewegungstests zu gehen. Letztlich geht es nämlich genau darum: um die Analyse von Bewegungsmustern.


Literaturverzeichnis:

Moran, R. W., Schneiders, A. G., Major, K. M., & Sullivan, S. J. (2016). How reliable are Functional Movement Screening scores? A systematic review of rater reliability. British journal of sports medicine, 50(9), 527-536.

Moran, R. W., Schneiders, A. G., Mason, J., & Sullivan, S. J. (2017). Do Functional Movement Screen (FMS) composite scores predict subsequent injury? A systematic review with meta-analysis. Br J Sports Med, bjsports-2016.

 

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