Vom körperbezogenen zum bewegungsorientierten Athletiktraining. Ein erster Beitrag zum Paradigmenwechsel

Athletiktraining ist in den letzten Jahren ein immer größer werdender Bestandteil des Wettkampfsports und dadurch auch der Fitnessindustrie geworden. Immer mehr Trainer mit den verschiedensten Ursprüngen und Muttersportarten präsentieren ihre Konzepte in Büchern, DVDs und auf den verschiedenen Plattformen des Internets. Mehr und mehr teils kontroverse Ansätze durchfluten den Markt an Fortbildungen und somit auch die Köpfe ihrer Teilnehmer. Die möglichen Inhalte und Varianten des Athletiktrainings scheinen unzählig, was die praktizierenden Trainer vor große Herausforderungen stellt. Heutiges Athletiktraining erscheint wie ein aufgeblähter Magen: Es vollzieht zwar seine Arbeit, jedoch träge und nicht effizient.

Orientierungsverlust durch Aufgeblähtheit

Athletiktraining hat ursprünglich zwei Aufgaben: Verletzungsprävention und Leistungssteigerung. Beide Punkte sind unweigerlich nicht voneinander zu trennen, auch wenn der Fokus oftmals gerne auf eine Komponente verlagert wird. Die Verletzungsprophylaxe bildet zweifelsohne die Grundlage für eine Leistungssteigerung und eine Leistungssteigerung bedeutet bis zu einem gewissen Punkt gleichzeitig auch Verletzungsprävention.

Leider verschwammen diese beiden Hauptaufgaben des Athletiktrainings mit der Zeit und es machte den Anschein, dass es nun darum ging, möglichst viele Inhalte im Athletiktraining unterzubringen, um einerseits wohl eher unterbewusst die vielen Fortbildungen auf dem Markt zu rechtfertigen und andererseits Innovation und den Gang mit der Zeit vorzutäuschen. Jedoch bedeuten viele Inhalte nicht auch gleichzeitig viel Leistung und ein maximales Übungsrepertoire nicht maximalen Nutzen. Besonders im Leistungssport, aber vor allem auch im Gesundheits- und Rehasport ist Effizienz der alles entscheidende Faktor, welcher durch die Aufgeblähtheit modernen Athletiktrainings jedoch verloren zu gehen scheint.

Form follows function

Modernes Athletiktraining ist sehr körperbezogen: Etwas mehr Core-Training für die Rumpfstabilität, mehr Oberschenkeltraining für die Knieverletzungsprävention, Rotatorenmanschettenkräftigung für die richtige Positionierung des Schulterkopfes und generell viel Training für die Rückenmuskulatur, um dort keine Schmerzen zu bekommen.

Du hast einen Rundrücken? Wenn wir da nichts tun, hast du in zehn Jahren hundertprozentig drei Bandscheibenvorfälle. Du kommst nicht in die tiefe Kniebeuge? Deine Faszien in Sprunggelenk und Hüfte sind sicherlich verklebt.

Egal welches (vermeintliche) Problem sich auftut, scheint für alles schnell eine strukturelle Ursache im Körper gefunden: Hat ein Fußballer Adduktorenprobleme, liegt das Problem in einer zu schwachen Adduktorenmuskulatur. Schulterschmerzen resultieren häufig aus dem nach vorne gerundeten Schultergürtel – ein Haltungsproblem!

Zu häufig erscheinen diese Diagnosen als voreilige (oftmals dennoch nachvollziehbare) Schnellschüsse und oftmals mag sogar ein Teil Wahrheit in ihnen stecken, doch so sehr wir auch immer wieder die Wichtigkeit der wahren Ursachenfindung betonen, ist in diesen Diagnosen selten die wahre Ursache zu finden.

Jede Struktur folgt ihrer Funktion. Dieser Leitspruch wird sich im Englischen nicht grundlos durch die sich leicht zu merkende Alliteration „Form follows function“ vergegenwärtigt. Ich argumentiere ungern mit dem Argument „fundamentales und natürliches Bewegungsmuster“, doch besonders am Beispiel des Laufens sollte deutlich werden, dass das Laufen zum Menschen gehört wie der Pfeil zum Bogen. Wieso haben nun viele Läufer jedoch mit einem Krankheits- bzw. viel mehr Verletzungsbild zu kämpfen, dessen Name schon durch sein überwiegendes Patientenkollektiv geprägt ist: dem „Läuferknie“, auf Englisch „Runner’s Knee“ oder mit lateinischen Begriffen „Iliotibiales Bandsyndrom“ oder „Tractus-iliotibialis-Syndrom“ bezeichnet. Wenn das Laufen ein großer Grund dafür ist, dass es uns Menschen überhaupt noch gibt, dann kann es nicht in der Natur des Laufens liegen, dass der eine sich mit dieser Verletzung herumschlägt und der andere nicht.

Die Bewegung im Vordergrund

Die Ursache muss also vermehrt im Bewegungsablauf betroffener Athleten liegen. An dieser Stelle ist es mir wichtig, nicht falsch verstanden zu werden: Besonders aufgrund vermehrter Erkenntnisse in der jüngeren Vergangenheit, welche auch noch auf diesem Blog präsentiert werden, suche ich nun nicht nach der perfekten Lauftechnik, da es diese wohl gar nicht gibt. Auch die Diskussion um Barfußlaufen oder Nicht-Barfußlaufen ist müßig. Letztlich entwickelt jeder seine Lauftechnik aufgrund unterschiedlichster Einflüsse und körperlicher Anpassungen. Wenn ein Athlet beim Laufen also im Sprunggelenk proniert, ist das kein Problem. Selbst Marathon-Weltrekordler wie Haile Gebrselassie hatten definitiv keine perfekte Lauftechnik und konnten viele Jahre verletzungsfrei laufen. Wichtig ist jedoch, dass es auch ein „Zu viel“ von etwas gibt. Ist die Pronation also zu stark, kann dies sehr wohl zu Verletzungen führen. Die Aufgabe eines Bewegungs- und Athletiktrainers ist es in der Folge viel mehr, dieses „Zu viel“ im Bewegungsablauf zu identifizieren und auszumerzen. Das bedeutet nicht – und das ist wichtig! – den Bewegungsablauf des Athleten so umzustellen, dass er eine für ihn beinahe komplett andere Bewegung ausführt. Dies kann nämlich weitere Verletzungen hervorrufen und seine Leistung mindern. Es geht ausschließlich um das „Zu viel“.

Effizienz statt Perfektionismus

Dieses Kind sollte lieber keine Kniebeuge mehr machen, oder? Neben einem Rundrücken ist in der tiefen Hocke auch ein „Butt Wink“ zu erkennen. (Ironie)

Bei einem bewegungsorientierten Training müssen wir uns davon lösen, nach dem perfekten Bewegungsablauf oder der „perfekten Technik“, wie es oftmals im Krafttraining zu hören ist, zu streben. Selbstverständlich gibt es ein biomechanisches Optimum. Dieses ist jedoch individuell aufgrund unterschiedlicher Extremitätenlängen und Körperverhältnisse sehr unterschiedlich und nur sehr schwer bei jeder Person zu identifizieren. Die Bilder aus dem Lehrbuch zum Erlernen einer tiefen Kniebeuge sind also viel mehr als Leitbilder für Neulinge zu sehen und nicht in Stein gemeißelt. Dies erklärt auch, warum der eine bei der tiefen Kniebeuge vielleicht einen „Butt Wink“, ein Absenken der Lendenwirbelsäule in tiefer Hockposition, im Bewegungsablauf hat und der andere nicht. Vielleicht ist der „Butt Wink“ an sich auch gar nicht so dramatisch wie von einigen immer propagiert. Es sei denn, es ist zu viel „Butt Wink“ und um dieses „Zu viel“ zu erkennen, sollte man sich auf sein Auge und seinen Verstand verlassen. Ein jeder halbwegs Geschulte sollte den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Kniebeuge – egal ob mit oder ohne „Butt Wink“ – erkennen.

Prinzipien statt Dogmen

Besonders im Athletiktraining sollten Dinge wieder etwas vereinfacht werden. Zunächst muss sich der aufgeblähte Ballon mit immer neuen Übungen und Inhalten verkleinern. Durch diese Aufgeblähtheit wird nämlich ein wichtiges Prinzip des Athletiktrainings begraben: die Sportartspezifität. Athletiktraining wird immer allgemeiner und sollte doch viel mehr das Gegenteil sein. Ein Fußballer muss keine tiefe Kniebeuge schaffen, jedoch sollte er schnell laufen können. Eine Bewegung wird durch ihre Bewegung gelernt oder anders: Wodurch lerne ich, schnell zu laufen? Indem ich schnell laufe!

Athletiktraining muss und wird sich ändern. Zukünftig soll es viel mehr um Bewegungen als um Muskeln und andere Strukturen gehen, die es zu trainieren gilt. Alles am Menschen ist Bewegung, aber nicht alles am Menschen ist Muskel. Ohne Bewegung findet kein Fortschritt statt, ohne eine tiefe Kniebeuge (auch wenn diese natürlich auch nur durch Bewegung zustande kommt) schon.

In Zukunft soll es mehr und mehr darum gehen, die Prinzipien effizienten Athletiktrainings herauszuarbeiten. Vielleicht wird Athletiktraining zukünftig auch nicht mehr „Athletiktraining“ heißen, sondern vielleicht „Bewegungstraining“ oder „Ergänzungstraining“. Vor einigen Jahren gab es ja auch nur den Konditionstrainer, den harten Hund, den Schleifer, aus dem dann der vermeintlich intelligente und filigrane Athletiktrainer hervorging. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich weiß, dass Stillstand Rückschritt ist und Fortschritt nur durch Bewegung möglich ist. Bis dahin rede ich einfach weiter vom bewegungsorientierten Athletiktraining.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*