No Poo: Ein Leben ohne Shampoo

Ich gebe zu, auf den ersten Blick mag es ein wenig eklig erscheinen und auch meine Mitmenschen sind des Öfteren verwundert, wenn ich ihnen davon erzähle: Seit über vier Jahren wasche ich nun meine Haare nicht mehr mit Shampoo. Ich begann damit ohne äußeren Einfluss, sondern viel mehr aus Rebellion und aufgrund vermeintlich logischen Denkens und als ich keine Nachteile diesbezüglich erfuhr, blieb ich dabei. Erst später schien sich ein wahrer Trend bezüglich des No Poos, wie im Internet häufig davon zu lesen ist, zu entwickeln, sodass auch einige Hollywood-Stars damit begannen, das Shampoo in den Regalen der Supermärkte stehen zu lassen.

Totschlagargument: Genetik

Warum Shampoo? Mit dieser Frage begann ich mein Experiment im Jahr 2012. Ich war gerade 18 Jahre alt geworden, als ich das Gefühl hatte, dass ich immer mehr Haare verlor, konnte mir jedoch nicht erklären, womit dies zusammenhängen sollte. Ich konnte doch mit 18 Jahren nicht schon meine Haare verlieren! An dieser Stelle kommt häufig das Totschlagargument „Genetik“ zu Tage, jedoch ist das ein Argument, mit dem ich mich generell sehr ungern zufrieden stelle. Selbstverständlich ist Genetik ein entscheidender Faktor in unserem und für unser Leben, jedoch denke ich, dass ihr eine nicht so große Bedeutung zukommt wie wir ihr gerne zuschreiben. Das Argument „Genetik“ macht es für alle Beteiligten zumeist sehr einfach (und letztlich dann doch schwerer), da es häufig mit dem Nachsatz verwendet wird: „Da kann man nichts machen.“ Ich möchte mich jedoch oftmals nicht damit abfinden, dass man „da nichts machen“ könne, weshalb ich dann versuche, andere Wege zu gehen.
Bei mir wäre das Argument „Genetik“ sogar ein angebrachtes, hatte mein Opa mütterlicherseits doch schon mit Anfang 20 nur noch wenige Haare auf seinem Kopf, doch wenn man nur lange genug forscht, findet man in der eigenen Familienhistorie genügend Risikofaktoren für fast alle Krankheiten. Die Frage, die ich mir dann jedoch stelle, ist: Wie kam es bei demjenigen, dem als ersten in meiner Familienhistorie die Haare ausgingen, zu dieser unglücklichen Gegebenheit? Ist der Mensch von Natur aus nicht eher behaart als unbehaart?

Warum Shampoo?

Wenn der Haarausfall uns erwischt hat und wir uns nicht mit ihm anfreunden möchten, ist die naheliegendste und einfachste Möglichkeit, zum Doping für die Haare („Nur für die Haare!“) zu greifen. Darüber, ob das Wirkungsprinzip tatsächlich so einfach ist, wie es in der Werbung von Dr. Klenk („In der Tat!“) dargestellt wird, lässt sich selbstverständlich streiten. Für mich ergab es zum damaligen Zeitpunkt zumindest keinen Sinn, sich Koffein in die Haare zu schmieren bzw. wäre derselbe Effekt dann schließlich auch mit einer geraumen Menge an Kaffee oder Cola möglich. Grundsätzlich muss man sich die Frage stellen, warum wir uns überhaupt Shampoo in die Haare schmieren.

Darum No Poo!

Nach dem ersten Verlust meiner Haare war nämlich auch genau das die erste Frage, welche ich mir gestellt habe: Warum schmieren wir beinahe täglich unsere Haare mit Shampoo ein? Gibt es dafür eine vernünftige Erklärung außer dieser, dass es unsere Eltern uns über Jahre hinweg vorgelebt und beigebracht haben? Ich war schon immer ein Freund einer pragmatischen Einstellung (ausgeschmückt mit einer erheblichen Prise Emotionalität) und versuchte auch immer so zu denken. Mit meinem Shampoo-Entzug begann auch meine Lebensstilanpassung an das  – von mir sogenannte – #backtonature-Prinzip („back to nature“). Dieses Prinzip beruht auf der Frage: Wie haben das unsere Vorfahren vor noch einhundert Jahren oder – für die Hardcore-Evolutionstheoretiker – in der Steinzeit gemacht? Um einigen Kritikern, die auch mich in die Schublade dieser Hardcore-Evolutionstheoretiker stecken möchten, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Ja, wir leben nicht mehr in der Steinzeit, und ja, wir haben uns auch schon weiter angepasst. Aber dennoch gibt es einige Lebensgrundlagen, Verhaltensweisen, Angewohnheiten, körperliche Reaktionen und Reflexe sowie physiologische Prozesse, die uns mit allen Vorfahren jeglicher Art Homo sapiens verbinden. Das Argument, dass man sich besonders in Bezug auf Hygiene aufgrund der – in großen Anteilen wegen des hygienischen Bereichs – viel geringeren Lebenserwartung unserer Vorfahren nicht nach diesen richten sollte, ist insofern zu entkräften, dass in der damaligen Zeit definitiv keiner deshalb gestorben ist, weil er seine Haare nicht mit Shampoo gewaschen hat, sondern da mehrere grundlegende Faktoren der Hygiene missachtet wurden sowie eine schlechtere medizinische Versorgung gegeben war. Viel mehr könnte man es als Pro-Argument für No Poo verwenden, da unser Körper sich somit über Jahre am besten daran angepasst hat, eben kein Shampoo zu verwenden. Schließlich gibt es diese Form von Haarwaschmittel, wie wir sie kennen, erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Das bedeutet wiederum, dass man noch nicht einmal in die Steinzeit zurückgehen muss, sondern auch die alten Ägypter, Griechen, Römer und auch Goethe sowie Schiller kein Shampoo benutzten. Unser Körper und viel mehr unsere Haare dürften also am besten damit zurechtkommen, wenn wir auf den chemischen Zusatz bei der täglichen Haarwäsche verzichten.

Water Only

Es gibt mehrere Methoden, um seine Haare shampoofrei zu waschen. Die für mich sinnvollste stellt die Water Only-Methode dar. Wie es der Name schon sagt, werden die Haare dabei nur mit Wasser gewaschen (das darf auch täglich passieren). Man kann diese Methode auch als Radikalmethode bezeichnen, jedoch ergibt es an dieser Stelle wirklich Sinn, nach den von mir häufig bewusst überspitzt angewendeten Floskeln „Ganz oder gar nicht“ und „Viel [an dieser Stelle jedoch in die andere Richtung, also wenig] hilft viel“ zu verfahren. Um die Reihe der Floskeln zu erweitern, könnte man auch aufgrund des bei No Poo angewandten Minimalismus die Redewendung „Weniger ist mehr“ anbringen 😉
Sollte man sich wirklich dazu entschließen,  no poo zu leben (ich spüre es schon, ich begründe gerade einen neuen Lifestyle-Trend, deren Namen auch als Adjektiv verwendet wird), ist es nur sinnvoll, seine Haarpracht radikal darauf einzustellen. Schließlich müssen sich sowohl Haare als auch Kopfhaut umstellen, da sie eben nicht mehr ständig mit chemischen Stoffen ausgespült werden, was einen enormen Einfluss auf die Talgproduktion hat.

Umstellungsphase

Aufgrund der Talgproduktion kommt es nämlich überhaupt dazu, dass wir fettige Haare bekommen (vorausgesetzt natürlich, man schmiert seine Haare nicht jeden Tag mit Fett ein und geht, ohne dieses herauszuwaschen, aus dem Haus 😉 ).
Besonders in den ersten sechs Wochen nach Beginn von No Poo wird man deshalb auch sehr wahrscheinlich mit sehr fettigen Haaren zu kämpfen haben. Ich selbst blieb damals glücklicherweise größtenteils davon verschont. Dennoch ließ ich mir sagen, dass Caps und Mützen den Schamfaktor in dieser Phase reduzieren und bei den weiblichen Geschöpfen unserer Welt ein Zopf angebrachter erscheint. Zudem ist das Bürsten nicht zu vergessen, damit der überschüssige Talg aus den Haaren gebürstet wird (Vorsicht: Das Bürsten nicht übertreiben, da es wiederum die Haare strapaziert!).
Natürlich kann diese Umstellungsphase auch von Person zu Person variieren. Bei den einen dauert sie eben nur zwei Wochen, bei den anderen dafür zehn. Das Gute ist, dass sie irgendwann ein Ende hat und wenn dieses erreicht ist, wird man für das Durchhaltevermögen auch belohnt. Die Umstellungsphase lohnt sich. Versprochen.

Neue Haarpracht

Nach besagter Umstellungsphase überkommt einen nämlich das Gefühl, eine völlig neue Haarpracht zu besitzen. Erst jetzt wird man bemerken, was durch Shampoo bei vielen ausbleibt: Die Haare können wieder voller werden und in voller Pracht glänzen, ohne ständig gepflegt werden zu müssen. Zudem spart man letztlich ebenfalls Zeit und Geld.
Nach der Umstellungsphase (jedoch auch wirklich erst danach, damit die Wirkung nicht ausbleibt) können regelmäßig (ich selbst variiere zwischen wöchentlich und vierzehntäglich bis sogar nur einmal im Monat) auch natürliche Shampooersatzmittel verwendet werden. Mit „natürlich“ ist jedoch auch „natürlich“ gemeint, d. h. Heilerde, Natron, Naturseife, Kokosöl etc. Ich selbst wechsele zwischen diesen vier Produkten, wobei es natürlich noch weitere gibt. Doch wozu die Vielfalt, wenn ich mir doch eigentlich weniger Stress mit meinen Haaren machen möchte?

Haarfestigerersatzprodukte

Natürlich ergibt es wenig Sinn, auf Shampoo zu verzichten, sich jedoch dennoch täglich chemische Haarsprays, Wachs oder Gel in die Haare zu schmieren. Dieses muss zudem ja auch wieder ordentlich ausgespült werden, was bei den Produkten allein mit Wasser sehr schwierig ist. Grundsätzlich sollte man sich vielleicht überlegen, auch auf diese Produkte zu verzichten. Da jedoch auch ich ein eitler Mensch bin und man auf seinen eigenen Style nicht verzichten möchte, gibt es auch hierfür Ersatzprodukte auf natürlicher Basis. Bei diesen Ersatzprodukten sollte man jedoch wieder darauf achten, dass „natürlich“ auch „natürlich“ ist, und sich gut über die Inhaltsstoffe informieren. Zudem sollten die Stoffe am Ende des Tages gründlich aus den Haaren gewaschen werden.

Jedem das Seine

Es klingt zunächst eklig, jedoch lohnt sich eine Umstellung auf No Poo aus meiner Sicht auf jeden Fall. Natürlich muss man beachten, dass ich hier nur von meinen eigenen Erfahrungen sowie den Erfahrungen einiger Bekannter berichten kann. Deshalb sind meine Empfehlungen, welche ich hier schildere in diesem Falle keineswegs wissenschaftlich. Es handelt sich eben nur um Einzelfallberichte. Ich habe sogar nach wissenschaftlichen Studien zu No Poo gesucht, bin jedoch leider nicht fündig geworden.
Letztlich muss jeder wie immer seinen Weg finden und sollte für sich seine eigene Kombination suchen. Nur weil ich nur alle vierzehn Tage oder einmal im Monat meine Haare mit natürlichen Ersatzprodukten wasche, bedeutet dies nicht, dass ein anderer nicht sogar täglich damit waschen könne, da er sich dazu entschlossen hat, no poo zu leben. Mein Ziel war es, mit diesem Artikel auch einmal auf ungewöhnliche Lebensweisen aufmerksam zu machen und zum Nachdenken anzuregen, um selbst langjährige Konventionen zu hinterfragen. Natürlich müssen wir nun nicht alle zu Hippies werden (und ich selbst bin wohl am meisten davon entfernt), jedoch versuche ich in gesundheitlichen Fragestellungen, pragmatisch zu handeln. No Poo erschien für mich pragmatisch also testete ich es und befand es für gut – der wohl einfachste Weg, um finden zu können, was für einen selbst funktioniert und was nicht.
Wer es sich unter keinen Umständen vorstellen kann, ohne Shampoo zu leben, sollte auch beim Shampoo bleiben. Es kann sich bei der Umstellungsphase nämlich wirklich um harte Wochen handeln, sodass man sie in jedem Falle in eine entsprechende Zeit legen sollte. Wie immer sollte man eben Kosten und Nutzen abwägen. Sehr wahrscheinlich sogar hat nicht unbedingt jeder solche Erfolge mit No Poo, was wiederum nicht bedeuten soll, dass ich nicht voll und ganz dahinter stehe. Es gibt einfach noch keine wirklichen Untersuchungen dazu, welche Generalaussagen zulassen und vielleicht wird es solche Untersuchungen auch nie geben. Schließlich verdient ein ganzer Industriezweig Geld mit Haarpflegeprodukten. Dennoch möchte ich auf No Poo aufmerksam machen, da oben beschriebene Effekte eben definitiv möglich sind. Vielleicht ist es am Ende auch eine Kombination aus mehreren Lebensstilanpassungen, die den Ausschlag gibt. Eines ist es jedoch auf jeden Fall: reine Kopfsache 😉

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