Vitamin D3. Ein Grundnährstoff

Als ich mir letztens differentialdiagnostisch Gedanken über die immer wiederkehrenden Symptome eines Patienten machte, ging mir ein Licht auf. Ich glaubte, das Rätsel gelöst zu haben. Alle Symptome passten; es musste einfach so sein. Diagnose: Vitamin D3-Mangel. Doch was haben Vitamin D3 und dessen Aufgaben denn mit der Arbeit eines Physiotherapeuten zu tun? Eine ganze Menge!

Grundlagen

Es wird in der Haut synthetisiert, wenn wir uns dem ultravioletten Licht der Sonne aussetzten. Wir steigern also die Produktion durch Bewegung in der Natur! Ebenso kann es durch die Nahrung aufgenommen werden. Nachdem es in der Haut synthetisiert wurde, wird es in der Leber zu 25-Hydroxycholekalziferol (Kalzidiol) und in der Niere zu 1,25-Dihydroxycholekalziferols (Kalzitriol) umgewandelt. Kalzitriol ist für die Mineralisierung unserer Knochen zuständig – beim Fötus sowie beim Kind und Erwachsenen. (Schmidt und Lang, 2007)
Vitamin D3 hat aber zusätzlich noch eine Wirkung auf unser Immunsystem und unser kardiovaskuläres System (Lips, 2006). Auch ist das Vitamin für unser allgemeines Wohlbefinden wichtig (Holick, 2004). Da Vitamin D also im Körper selbst entsteht, ist es genau genommen kein Vitamin, sondern eher ein Hormon.

Endokrine Erkenntnisse

Aufgrund seiner vielfältigen Wirkungsweise wird ein Vitamin D3-Defizit auch als begünstigender Faktor für Erkrankung wie Diabetes mellitus Typ 1, Rheumatoide Arthritis, Multiples Sklerose und Krebs in Verbindung gebracht wird. Osteoporose im Alter und Rachitis im Kindesalter sind ebenfalls als eine eng mit einem Vitamin D3-Mangel einhergehende Erkrankung. Interessanterweise wurde ein Mangel auch bei Patienten mit unspezifischen muscoloskelettalen Beschwerden festgestellt. (Holick, 2004)
Dies war auch der Grund, warum ich meine Recherchen über das Vitamin intensivierte, da es einen weiteren Faktor darstellt, den es  bei derartigen Beschwerden möglicherweise mit in Betracht zu ziehen gilt. Natürlich immer mit Bedacht, aber man sollte eben wissen, worauf es zu achten gilt.

Gründe für einen Vitamin D-Mangel (nach Holick, 2004)

Lebensstil und Umwelt:

  • Starke Sonnencreme
  • Winter
  • Meidung der Sonne
  • Geringer Aufenthalt in der freien Natur
  • Große Höhen

Medikamente:

  • Glucocordicoide
  • Rifampicin (Antibiotikum)
  • Antiretrovirale Therapie

Malabsorption:

  • Morbus Crohn
  • Morbus Whipple
  • Zöliakie
  • Zystische Fibrose (Mukoviszidose)
  • Hepatische Erkrankungen
  • Nephrotisches Syndrom
  • Nierenerkrankungen
  • Übergewicht

Symptome eines Vitamin D3-Mangels

Nach von Helden (2016) lassen sich die möglichen Symptome eines akuten Vitamin D3-Mangels nach dem M-A-N-O-S-Prinzip (die Anfangsbuchstaben der einzelnen Gruppen) in fünf Gruppen einteilen, welche sich in sich natürlich überschneiden:

  1. Muskulatur:
    Krämpfe, Zucken, Zittern, Schmerzen, Schwäche
  2. Adynamie:
    Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit, andauernde Erschöpfung, unerklärliche Niedergeschlagenheit
  3. Nervensystem:
    Störung der Nervenfunktion, Schlafstörungen, ständige Müdigkeit und ein hoher Schlafbedarf, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, innere Unruhe und Rastlosigkeit, Koordinationsstörungen (oftmals als Ursache für ein unsicheres Gangbild und Stürzen), depressive Stimmung
  4. Orthostase:
    Kreislauf- und Durchblutungsstörungen (auch in Verbindung mit einem Kältegefühl in Händen und Füßen)
  5. Skelettschäden:
    Osteoporose, Osteomalazie
    → Als weitere Symptome, welche nicht eindeutig den fünf Gruppen zuzuordnen sind, müssen zusätzlich Arthritis, ein „schwaches Immunsystem“ und rezidivierende Infekte des Urogenitaltrakts sowie Hypertonie genannt werden!

Zur Diagnose eines Vitamin D3-Spiegels kann auch das Blutbild herangezogen werden. Die Bestimmung des Vitamin D3-Spigeels im Blut geschieht jedoch nur indirekt, da der Serumspiegel des Kalzidiols gemessen wird. (Schweitzer, 2014)

Von Helden (2016) führt viele der oben aufgezeigten Symptome auf eine aufgrund des zu geringen Vitamin D3-Spiegels auftretenden mangelhafte Calciumversorgung zurück. Calciummangel kann zu einer Störung der Zellfunktion führen, wodurch sich die vielen muskulären, skelettalen und neurophysiologischen Symptome erklären lassen. Aufgrund des Zusammenspiels aller körpereigenen Systeme lassen sich somit auch die andauernden Erschöpfungszustände sowie die Störungen des Herzkreislaufsystem begründen. Aufgrund von Calciummangel kann der gesamte menschliche Organismus aus dem Takt geraten, weshalb der Rückschluss auf einen ursächlichen Vitamin D3-Mangel von essentieller Wichtigkeit ist.

Weitere Aufgaben von Vitamin D3

Wie oben bereits angedeutet fällt Vitamin D3 die entscheidende Rolle bei der Mineralisierung unserer Knochen zu. Ebenso hat es auch eine Wirkung auf den Sehnen-Knochenübergang und dessen Heilungsprozess nach Verletzungen und Operationen. Hierbei dient Kalzidiol als Motor des Metabolismus der Heilungsprozesse an der Sehne. (Dougherty et al. 2016)
Auch bei rheumatoider Arthritis wurde in der Forschung ein Defizit und eine Supplementierung bei solcher untersucht. Dies zeigte, dass die Symptome der Autoimmungerkrankung stärker waren bei einem Defizit. Daraus schlussfolgern die Autoren die Behandlung mit Vitamin D3 zur Normalisierung der Serumwerte

Vitamine ohne Medikamente

Durch einfache und kleine Veränderungen des Lebensstil ist es relativ einfach, etwas Gutes für seinen Vitamin D-Haushalt zu tun. Hier ein paar Stichpunkte, was beachtet werden sollte:

  1. Regelmäßiger Aufenthalt im Freien, um die Haut der Sonne auszusetzen:
    Vitamin D3 wird am besten auf natürliche Weise aufgrund der Sonnenstrahlung produziert. Natürlich sollte man hier sehr bewusst vorgehen, um vorzeitige Hautalterung zu vermeiden sowie das Hautkrebsrisiko zu verringern. Dennoch ist die Sonnenstrahlung bei maßvollem und bewusstem Umgang ein nicht so großes Problem, wie es uns in der Vergangenheit durch übertriebene Warnungen in Medien und durch Ärzte suggeriert wurde.
    Der Mensch ist dafür gemacht, sich für gewisse Zeiträume in der Sonne aufzuhalten, da die Sonne für ein gesundes Leben zudem notwendig ist. Die Reaktion mit Vitamin D auf die UVB-Strahlung der Sonne gibt es schließlich nur aufgrund unseres natürlichen Lebens unter der Sonne. Wichtig ist, die Zeit, der man sich der Sonne aussetzt, langsam und stetig zu steigern, sodass sich der Körper an sie gewöhnen kann.
    Einige weitere Punkte, die es zu beachten gilt werden sehr gut erneut bei von Helden (2016, S. 96ff.) beschrieben.
  2. Vermehrte Aufnahme über die Nahrung:
    Die sogenannte endogene Aufnahme über UVB-Strahlung der Sonne gelingt uns in diesen Breitengraden jedoch nur im Sommer, sodass man in den „dunklen“ Jahreszeiten bzw. den sonnenarmen Monaten im Jahr auf eine entsprechende Ernährung zurückgreifen sollte. Hierzu gehören Bestandteile wie Fisch wie z. B. Hering, Lachs, Aal, Makrelen oder Sardellen (abhängig von Fangort und Umgebung), Avocado, Leber, Eier, Käse, etc.
    Leider kann die Ernährung jedoch nur einen Ergänzungsbaustein liefern. Besonders bei den tierischen Produkten hängt der Vitamin D-Gehalt von der Aufzucht und der Umgebungsform der Tiere ab. Schließlich kann eine Kuh, welche die Sonne nur durchs Fenster gesehen hat, dementsprechend auch nur Milch liefern, welche dementsprechend wenig Vitamin D3 enthält. Somit ist es entscheidend auf die Herkunft der Nahrungsmittel zu achten, um seinen eigenen Vitamin D3-Haushalt durch die Ernährung unterstützen zu können.
  3. Der Verzicht auf Sonnenschutzmittel:
    Besonders zu Beginn des Sonnenbadens sollte auf Sonnenschutzmittel verzichtet werden. Schließlich verhindern diese, dass unsere Haut ausreichend mit UVB-Strahlen versorgt wird. Leider wurde uns im übertriebenen Maße über Jahre hinweg die Notwendigkeit von Sonnenschutzmitteln eingeredet (was nach einer gewissen Zeit des Sonnenbadens auch defintiv richtig ist), jedoch sollte die Haut der Sonne zeitweise auch unmittelbar ausgesetzt werden, um zum einen robuster und widerstandsfähiger gegenüber schädlichen Sonnenbränden zu werden und zum anderen eben ausreichend Vitamin D3 produzieren zu können.

Vitamin D und Krebs

Kalzitriol reguliert den Zellzyklus, induziert Apotose, fördert die Zelldifferenzierung und spielt eine anti-inflammatorische Rolle im in der Umgebung von Tumoren (Diaz et al 2015). Als unspezifische Prophylaxe vor Krebs scheint Vitamin D jedoch keine allzugroße Rolle zu spielen (Ness et al. 2015; Scaranti et al. 2016). Präventiv soll es vorallem gegen Darmkrebs helfen (Klampfer 2014), in der Behandlung soll es in Zukunft gegen Brust (Thill et al. 2041) und Prostatakrebs (Wang und Tennsiwood 2014) eingesetzt werden, wegen seiner antiinflammatorischen und  regulierenden Rolle auf die Zellproliferation.

Vitamin D kann bei Darm-, Brust- und Prostatakrebs unterstützend helfen

Außerdem ist ein verminderter Kalrziferolspiegel im Serum bei Diabetes mellitus Typ 2 Patienten mit einer Erkrankung der Koronararterien zu messen (Adela et al. 2016). So wird es mit cardiovaskulärer Morbidität und Mortalität bei DM Typ 2 in Verbindung gebracht (Semefros et al. 2016).

Ein zusätzlicher Therapieansatz

Fehlen uns notwendige Vitamine laufen wie oben aufgezeigt viel Prozesse in unserem Körper nicht mehr reibungslos ab, was auf Dauer fatale Folgen haben kann. Deshalb bildet die ausreichende Versorgung mit Nährstoffen die Grundlage für jegliche erfolgreiche Therapie. Die Sorgen bezüglich einer gezielten und kurweisen Versorgung mit Nahrungsergänzungsmitel sind einerseits (besonders aus Kostengründen) verständlich, andererseits jedoch auch unnötig. Besonders in den Wintermonaten macht eine Einnahme zusätzlicher Vitamin D3-Präparate Sinn, solange eine ausreichende Grundversorgung mit Vitamin D3 nicht über die beschriebenen anderen Wege gewährleistet werden kann.
Ein Vitamin D3-Mangel sollte zudem auch bei der Diagnose mit in Betracht gezogen werden. Oftmals können auf diese Weise unntige Therapien in anderen Bereichen vermieden und ein einfacherer Weg gegangen werden. Die Symptome eines Mangels sind schließlich vielfältig, die Auswirkungen seiner Behebung somit folglich auch.


 

Literaturangaben

Adela R, Borkar RM, Bhandi MM, Vishwakarma G, Reddy PN, Srinivas R, Banerjee SK. Lower Vitamin D Metabolites Levels Were Associated With Increased Coronary Artery Diseases in Type 2 Diabetes Patients in India. Sci Rep. 2016 Nov 24;6:37593.

Dougherty KA, Dilisio MF, Agrawal DK. Vitamin D and the immunomodulation of rotator cuff injury. J Inflamm Res. 2016 Jun 14;9:123-31.

Díaz L, Díaz-Muñoz M, García-Gaytán AC, Méndez I. Mechanistic Effects of Calcitriol in Cancer Biology. Nutrients. 2015 Jun 19;7(6):5020-50

Holick MF. Sunlight and vitamin D for bone health and prevention of autoimmune diseases, cancers, and cardiovascular disease. Am J Clin Nutr 2004;80(suppl):1678S– 88S

Klampfer L. Vitamin D and colon cancer. World J Gastrointest Oncol. 2014 Nov 15;6(11):430-7. doi: 10.4251/wjgo.v6.i11.430.

Lips P. Vitamin D Physiology, Progress in Biophysics and Molecular Biology 92 (2006) 4–8.

Ness RA, Miller DD, Li W. The role of vitamin D in cancer prevention. Chin J Nat Med. 2015 Jul;13(7):481-97

Samefors M, Scragg R, Länne T, Nyström FH, Östgren CJ. Association between serum 25(OH)D3 and cardiovascular morbidity and mortality in people with Type 2 diabetes: a community-based cohort study. Diabet Med. 2016 Nov 18.

Scaranti M, Júnior Gde C, Hoff AO. Vitamin D and cancer: does it really matter? Curr Opin Oncol. 2016 May;28(3):205-9.

Schmidt RF, Lang F, Physiologie des Menschen – mit Pathophysiologie. Springer Verlag. 30. (2007) Auflage S. 745

Schweitzer R, Endokrinologie mit Stoffwechsel, Elsevier München, 2014 S. 102.103

Thill M, Terjung A, Friedrich M. Breast cancer–new aspects of tumor biology: are calcitriol and cyclooxygenase-2 possible targets for breast cancer? Eur J Gynaecol Oncol. 2014;35(4):341-58.

von Helden, R. (2016). Gesund in sieben Tagen. Erfolge mit der Vitamin-D-Therapie. Dresden: Hygeia.

Wang WL, Tenniswood M. Vitamin D, intermediary metabolism and prostate cancer tumor progression. Front Physiol. 2014 May 15;5:183. doi: 10.3389/fphys.2014.00183. eCollection 2014.

 

Links:

Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Richtwerte für Vitamin D

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