Ein Ode an den Fußball oder Warum der Nagel meiner Stollenschuhe nicht hält. Ein fußballromantischer Artikel

Diesen Artikel schrieb ich Mitte Oktober 2016 ursprünglich für das regionale Norheim-Einbecker Amateurfußball-Portal Regiokick sowie dessen Göttinger Cousin Gökick. Nun, fast zwei Monate nachdem der Artikel verfasst wurde und in einer Jahreszeit, in der man sich bestenfalls bei Kerzenschein gemütlich in einen Sessel lümmelt, um Weihnachts- und Adventsgeschichten zu lesen und dabei Kekse zu naschen, möchte ich diesen Artikel, auch wenn er wieder einmal mit der ursprünglichen Agenda Elementary Motions nicht viel zu tun hat, mit unseren Lesern teilen. Genau dafür soll unsere Kategorie Schreibmaschine nämlich da sein: Um auch die Gedanken, die uns neben Training, Therapie, Medizin und Gesundheit im Kopf herumschwirren, teilen zu können. Viel Spaß beim Lesen!

Es ist zum Verrückwerden. Er verfolgt mich, lässt mich nicht los. Stellt mir nach auf Schritt und Tritt. Wirbelt mich herum in einem emotionalen Auf und Ab, um mich fallen zu lassen und dann doch wieder zum Aufstehen zu bringen. Ein wenig fühle ich mich wie in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier: Egal was ich mache, ich beginne immer wieder von vorn.

WM-Fieber

Nach der Saison ist Schluss. Es war ein Gedanke, der plötzlich da war und doch schon länger in mir reifte. Irgendwie wusste ich, dass er in Ordnung war, dass er richtig war. Der Zeitpunkt war irgendwie gekommen. Seit dem 8:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Saudi-Arabien bei der WM 2002 in Japan und Südkorea war ich Fußball-Fan. Einfach so, ganz plötzlich. Und ich kann mich noch heute an den Moment erinnern.
Ich betrat die Stube meiner Großeltern und sah meinen Opa ganz begeistert darüber, dass Klose gerade sein zweites Tor machte. Der Funke war entfacht. Doch ich verließ den Raum wieder und während ich die Tür schloss, hörte ich den Kommentator nur fragen: „Macht der heute denn auch noch sein Tor, der Carsten Jancker?!“ Ich fuhr nach Offensen, wo mein damaliger Kumpel Nils seinen achten Geburtstag feierte. Dort angekommen lief auf dem Fernseher: Fußball. Doch niemand schaute wirklich zu. „Nun hat auch er sein Tor. Endlich!“, sagte dieselbe Stimme, die auch die Frage gestellt hatte, als ich die Stube meiner Großeltern verließ. „Hat Jancker ehrlich noch getroffen?“, fragte ich  Nils‘ Vater, als hätte ich Jahre auf den Moment gewartet und innerlich natürlich gewusst, dass irgendwann Carstens Knoten schon noch platzen wird. „Weiß ich nicht. Kann sein“, antwortete Nils‘ Vater mehr oder weniger unbeteiligt. Und dann kam der entscheidende Moment. Noch heute habe ich die Bilder vor Augen, die ich auf dem Fernseher sah und die dazu führten, dass mein darauf folgendes Leben sich verändern sollte. Ich sehe Klose, wie er seinen Salto macht, um sein drittes Tor in diesem Spiel zu bejubeln. Ich habe mich verliebt. Verliebt in den Fußball. Es ist überraschend, aber irgendwie auch bezeichnend, dass ich mich nicht mehr an sein Tor erinnern kann, jedoch blieben mir die Bilder von seinem Salto bis heute in meinem Kopf. Und ich hatte jetzt einen Lieblingsspieler: Miro.

Ein Entschluss

Und nun, zwölf Jahre nachdem ich mich in den Fußball verliebt hatte und elf Jahre aktiv im Verein spielte, sollte im nächsten Jahr Schluss sein. Es war August 2014. Ich war gerade mit meiner damaligen Freundin und meinen Eltern im Urlaub. Italien, Adria, Caorle, Hotel Benvenuto. Auf einem Spaziergang mit meiner Freundin wurde es ruhig. Wir genossen die Stille und kehrten in uns. Plötzlich kam dieser Entschluss einfach über mich. Nach dieser Saison höre ich auf mit dem Fußball spielen. Andere werden lachen, aber es war nun so weit. Es war an der Zeit. Ich war 20 Jahre alt. Was wollte ich denn mehr? Gerade hatten wir mit der zweiten Mannschaft des SCW Göttingen, bei der ich seit nun einem Jahr spielte, zum dritten Mal für die Mannschaft in drei Jahren den Aufstieg in die Kreisliga verpasst, indem wir Zweiter wurden und die Relegation vergeigten. Das tat weh. Doch trotzdem spürte ich, dass nichts mehr Größeres als Weende für mich kommen konnte. Ich liebte diese Mannschaft. Wir befanden uns gerade in den ersten Spielen der neuen Saison, hatten sowohl das erste Pokal- als auch das erste Punktspiel gewonnen und ich fühlte mich trotz des verpassten Aufstiegs einfach pudelwohl. Ich wusste, dass ich eine solche Stimmung, wie sie in dieser Mannschaft herrschte, nie wieder erleben werde. Die Mannschaft bestand nur aus Studenten, die sich mehr oder weniger selbst organisierten. Trainer Raphael Michna, selbst erst 28 und Promotionsstudent, machte hervorragendes Training, war nahezu aber auch nur für dieses zuständig. Für das Drumherum sorgte der Mannschaftsrat, der sich fast selbst ergab. Die Kapitänsbinde trug jemand über den Platz, der noch nicht einmal Teil des Mannschaftsrates war und dessen einzige Aufgabe es war, in jedem Spiel eine gute Verteidigerleistung abzuliefern und eben diese Binde über den Platz zu tragen. Diese Mannschaft strotzte einfach nur vor Paradoxa und Selbstironie. Genau damit konnte ich mich identifizieren. Viel mehr als mit Kreisklassen-Mannschaften, die sich aufführen wie ein Drittligist. Das hier war genau meine Welt. Zu guter Letzt übernahmen wir im Mannschaftskreis, den manche Mannschaften im Stile der wilden Kerle vor dem Spiel bilden, um einen Schlachtruf zu rufen, und in dem wir erneut selbstironischerweise bisher „Action, Jackson, Ox Ox Ox“ (eine Zusammenstellung einiger Spitznamen aus der Mannschaft) riefen, den auf einem Mannschaftsabend aus Spaß entstandenen Schlachtruf „Vize? MICHNA!“ – in Anlehnung an unseren Trainer, der die Mannschaft nun dreimal zum Vize-Titel geführt hatte. Galgenhumor pur.
Für mich konnte einfach nichts Besseres mehr kommen und mit dem Ziel, noch einen Titel zu gewinnen, hatte ich sowieso abgeschlossen. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich im Fußball einfach nichts mehr gewinnen sollte. Selbst den Pokalsieg, den ich mit der C-Jugend der JSG Schoningen/Bollensen 2009 erreichte, ließ ich im Nachhinein nicht mehr gelten, da der Finalgegner Eintracht Northeim in dem Spiel aufgrund eines Relegationsspiels um den Aufstieg in die Bezirksliga am nächsten Tag  nur mit ihrer D-Jugend antraten, sodass wir mit 5:0 gewannen. Ich sah in mir den Michael Ballack des Amateurfußballs. Zudem hatte ich das Ziel, mich im folgenden Jahr, wenn ich mein Studium abgeschlossen haben sollte, selbstständig zu machen. Da würde sowieso viel Zeit für die Firma draufgehen. Des Weiteren wollte ich mich nicht auch noch verletzen und sowieso wollte ich doch mit meiner Freundin in eine andere Stadt ziehen, um dort dann meinen Master zu machen und selbstständig zu arbeiten. Es war also für mich klar: Am Ende dieser Saison werde ich meine Fußballschuhe an den Nagel hängen.

Vize-Michna

Als der Entschluss gefallen war und ich aus dem Urlaub zurück in Göttingen war, fühlte ich mich freier. Ich sah den Fußball nicht mehr so eng, war lockerer. Einen Tag nach Wiederankunft in Deutschland spielten wir in Holtensen. Überraschenderweise sah ich mich im Kader, den wir jedes Mal einen Tag vor dem Spiel per Mail samt Aufstellung und Rückennummern erhielten, wieder. Der „Coach“, wie alle Trainer Michna riefen und ihn auch so ansprachen, hatte mich mit eingeplant, obwohl ich durch den Urlaub zwei Wochen nicht beim Training war. Eigentlich achtete er sehr darauf, dass zunächst auch wirklich nur die Spieler spielten, die auch tatsächlich zum Training kamen, weshalb auch durchschnittlich 14 Mann beim Training erschienen. Doch anscheinend hatte ich Glück. Nachdem ich in der ungefähr 60. Minute eingewechselt worden war, merkte ich, dass der Entschluss, mit dem Fußball aufzuhören, etwas mit mir machte. Ich spielte freier auf, machte mir weniger Kopf und zeigte ein gutes Spiel gegen Holtensen. Wir spielten nur 1:1 (wobei das Spiel im Nachhinein aufgrund eines Aufstellungsfehlers des TSV Holtensen für uns gewertet wurde), doch ich war dennoch irgendwie zufrieden. Zufrieden mit mir und meinem Spiel. Was in den darauf folgenden Wochen passierte, interpretierte ich als ein Zeichen des Universums. Es zeigte sich einverstanden mit meiner Entscheidung, aufzuhören, wollte mich jedoch dazu ermuntern, bis zum Ende alles zu geben.
In den darauf folgenden Wochen bis zur Winterpause gewannen wir jedes Spiel, sodass wir keine Punkte liegen ließen, und ich durfte sogar den einen oder anderen persönlichen Torerfolg genießen, was ich gar nicht mehr gewohnt war, beliefen sich meine Stärken doch eher auf das Laufen, das Angriffspressing sowie die Torvorlagen. Zudem stieg die Trainingsbeteiligung noch einmal an, sodass wir bei einer Trainingseinheit einen Trainingsrekord von 23 Mann aufstellten, weshalb wir beim Abschlussspiel dieser Einheit 12 gegen 11 spielten. Durchschnittlich lag die Trainingsbeteiligung in der Saison 2014/2015 bei 16 Spielern. Ein Traum. In der Winterpause war nahezu jedem klar: Wir werden Meister und steigen auf. Dennoch zogen wir tatsächlich unsere Spiele einigermaßen konstant bis zum Ende durch, verloren dennoch in der Rückrunde zwei Spiele und spielten zweimal Unentschieden, waren am Ende jedoch vier Spieltage vor Saisonende mit letztlich 12 Punkten Vorsprung Meister. Zudem erreichten wir das Kreispokal-Finale, was wir leider jedoch verloren. Dennoch fühlte ich mich wie im Traum. Ich fühlte mich belohnt. Belohnt dafür, noch einmal durchgezogen zu haben. Ich hatte im Fußball etwas gewonnen – wenn es auch nur der Titel „Meister der 1. Kreisklasse Süd Göttingen-Osterode 2014/2015“ war. Nachdem das Pokalfinale, welches gleichzeitig mein letztes Spiel sein sollte, abgepfiffen war, saß ich noch lange in der Kabine. Ich weiß noch, wie mein ständiger Kabinennachbar Metze, der ebenfalls beruflich bedingt seine viele Jahre länger als meine andauernde Laufbahn beendete und sonst als Spaßvogel der Mannschaft galt, neben mir saß, mich anschaute und trocken meinte: „Das war’s jetzt.“
Das war’s jetzt. Fußball hatte mir so viel bedeutet; meine Eltern waren so viele Kilometer für mich gefahren, um mich in meiner Jugendzeit zu Training und Spielen zu befördern; mein Vater fuhr selbst noch in meinen letzten beiden Saisons nahezu jedes Spiel nach Göttingen, um zuzuschauen, weshalb er auch von meinen Mitspielern würdevoll mit „Herr Niemeyer“ angesprochen wurde. Das alles sollte nun ein Ende haben. Ich fühlte mich leer, doch ich weinte nicht. Langsam, aber sicher schloss sich das Kapitel.

Post-„Karriere“

Nachdem ich zu Beginn der darauf folgenden Saison zunächst standhaft blieb und keine Trainingseinheit meiner alten Mannschaft besuchte, ergab sich jedoch der Zeitpunkt, wo man mich fragte, ob ich denn nicht aushelfen könne. „Nur dieses eine Spiel.“ Ich überlegte. „Na gut. Aber ich fange nicht wieder an. Nur dieses eine Spiel.“ Absichtlich kam ich zu spät – erst kurz vor Anpfiff – nach Bovenden, um zu zeigen, dass es für mich keine größere Bedeutung haben sollte. Wir hielten uns zu Beginn des Spiels gut, lagen jedoch schnell zurück. Verletzungsbedingt wurde ich kurz nach der Halbzeit als rechter Außenverteidiger eingewechselt. Ich zeigte ein gutes Spiel dafür, dass ich wochenlang nicht trainiert hatte, und am Ende gewannen wir das Pokalspiel völlig überraschend mit 3:1. Nach Spielende redete ich mir immer wieder ein: „Nur dieses eine Spiel. Nur dieses eine Spiel.“ Ich stand in den nächsten drei Spielen des SCW Göttingen II auch auf dem Platz.

Da ich mich inzwischen jedoch dazu entschlossen hatte, in Frankfurt mein Masterstudium zu absolvieren und dort den Traum der Selbstständigkeit (ohne meine Freundin, mit der ich inzwischen nicht mehr zusammen war) zu leben, absolvierte ich Ende September 2015 mein tatsächlich letztes Spiel für den SCW Göttingen II, was mit einer großen Abschiedsfeier im Vereinskeller begossen wurde. Zwei Wochen später schaute ich noch einmal gemeinsam mit meinem Vater ein Punktspiel meiner Mannschaft an und dann verabschiedete ich mich endgültig vom aktiven Fußball. In dem darauf folgenden halben Jahr trat ich nicht einmal gegen den Ball. Na klar, ich schaute Fußball im Fernsehen, jedoch untersagte ich meinen Füßen, einen Ball zu berühren. Erst im Frühjahr 2016 ging ich mit Freunden in Frankfurt mal wieder in einer Grundschulhalle bolzen und ich fühlte mich dabei inzwischen wie ein Bewegungsanalphabet. Doch trotzdem machte es so viel Spaß. Der Funke war wieder da, sollte jedoch auch in den nächsten Monaten nicht größer werden. Und dann kam die Krise.

„Nur Training“

Die Semesterferien waren eingeläutet worden, weshalb ich wenig zu tun hatte. Zu wenig. Meine Klienten und Freunde waren nahezu alle im Urlaub und es machte wenig Sinn, alleine in Frankfurt rumzuhängen und noch nicht einmal täglich in meiner Berufung als Athletiktrainer und Bewegungstherapeut arbeiten zu können. Zudem brauchte ich noch ein Praktikum. Ich suchte und wurde fündig. Daheim. Ich hatte wieder einen Grund, heim zu kommen, weshalb ich im Juli und August je nach aktuell wichtiger Aufgabe zwischen Frankfurt und Fürstenhagen pendelte. Während ich in Fürstenhagen nach einer sportlichen Aktivität suchte, kribbelte es plötzlich in meinem Fuß. „Nein, ich kann auch laufen gehen. Ich spiele kein Fußball mehr.“ Ich ging laufen. Es kribbelte immer noch. „Okay, nur einmal Training mitmachen.“ Doch sollte ich dafür die 30 Kilometer nach Göttingen fahren? Ich überlegte lange Zeit. In Weende war mein Fußballherz und wird es wohl auch immer bleiben, da ich dort einfach die beste Zeit meiner Fußballerlaufbahn verbrachte. Ich liebe den Verein. Dennoch war die Mannschaft inzwischen komplett neu und ich kannte nahezu niemanden mehr. Selbst der Trainer hatte gerade aufgehört. „Ich schreibe Marvin mal.“ Marvin ist ein Kumpel seit Kindheitstagen, mit dem ich schon zu meinen Anfangszeiten des Fußballs auf dem Sportplatz bolzte und der noch immer bei meinem Heimatverein, der SG Heisebeck/Fürstenhagen/Offensen, für die auch ich mein erstes Jahr im Herrenfußball bestritt, bevor es mich gen Weende verschlug, spielt. Ich schrieb Marvin. „Ne, heute ist kein Training“, kam als Antwort. „Wir spielen morgen. Freitag ist aber wieder.“ Es war Dienstag.
Also ging ich den darauf folgenden Freitag zum Training. Natürlich kannten mich alle und ich hatte ja auch schon mit vielen zusammen gespielt. Zudem hatte der aktuelle Trainer zufälligerweise eine Verbindung nach Weende, da sein Sohn noch immer dort in der ersten Mannschaft auf Torejagd geht, sodass ich mit diesem sogar während meines kurzen Intermezzos in der ersten Mannschaft Weendes, bevor ich in die Zweite ging, zusammen spielte. „Ich komme aber nur zum Training und mache keine Spiele“, betonte ich. Alle nickten. Grinsend. Drei Wochen später bestritt ich durch eine Nacht- und Nebelaktion mit Passgenehmigung zur Spielberechtigung das erste Punktspiel der Saison, am Wochenende darauf die Pokalzwischenrunde sowie das zweite Punktspiel und in der nächsten Woche das dritte und vierte Punktspiel und so weiter. Ich war wieder mittendrin. Mittendrin im Amateurfußball. Die Wochen verbrachte ich in Frankfurt und fuhr nur für den Fußball am Wochenende die drei Zugstunden heim, ohne dass es mir etwas ausmachte. Ich war wieder heiß. Ich merkte wieder das Feuer in mir. Ich freute mich auf die Spiele.
Schließlich sollte mein voraussichtlich letztes Spiel kommen. Am achten Spieltag dieser Saison wollte ich unbedingt nochmal auf meinem Heimatsportplatz, auf dem ich die Grundlagen des Fußballs gelernt hatte, gegen die SG Schönhagen/Sohlingen  und einige Spieler, gegen die oder mit denen ich zusammen in der Jugend spielte, antreten, bevor ich die nächsten Wochen aufgrund von Urlauben, Weiterbildungen, Arbeit und Studium nicht mehr heim kommen werde. Wir gewannen das Spiel, ich zeigte eine zufriedenstellende Leistung und verabschiedete mich mit großen Worten und einer obligatorischen „Kiste“ von allen und schloss für mich die Saison ab. Es gab einfach keine Chance mehr, in den nächsten Wochen noch einmal heim zu kommen. Nun sollte es das letzte Mal gewesen sein.

Da bin ich wieder

Und doch sitze ich hier. Hier, daheim, in Fürstenhagen. Montag erst bin ich aus Portugal wieder gekommen. 30 Grad, surfen, Sonne, Meer, Action und doch Entspannung. Als ich unter der Woche meine Sachen für das Studium, welches nächste Woche wieder beginnt, sortiere, bemerke ich, dass ich einiges daheim vergessen habe. Verkraftbar. Dann fällt mir jedoch wieder ein, dass mein alter Lauftrainer „Onkel Helmut“ ja noch das Sportabzeichen mit mir machen wollte. Kann ich das vielleicht irgendwie ausfallen lassen? Ich bin doch sowieso angeschlagen und nicht ganz fit. Doch dann erinnere ich mich daran, dass ich alles nur ihm zu verdanken habe: den Sport, mein Studium, meinen Beruf. Mein Handy klingelt. Nachricht von Mama: „Kommst du dieses Wochenende nach Hause?“ Ich komme nach Hause. Ich versuche meine Termine am Wochenende zu verschieben, was überraschenderweise nahezu problemlos funktioniert. Zuletzt nehme ich mein Handy in die Hand, um eine Zugverbindung  in die Heimat zu suchen. Die Züge fahren nicht. Und jetzt? Ich komme mit dem Auto. Ein Fehler.
Als ich das Ortsschild meines Heimatortes passiere, sehe ich, dass auf dem Sportplatz noch Licht brennt. „Stimmt. Heute ist ja Training.“ In Sekundenbruchteilen entschließe ich mich am Sportplatz vorbeizufahren und einfach mal reinzuschauen. Die Mannschaft ist noch unter der Dusche. Fragende Blicke: „Was machst du denn hier?“ Der Trainer schaltet am schnellsten: „Sonntag, neun Uhr. Treffen in Heisebeck.“

Es ist zum Verrückwerden. Er verfolgt mich, lässt mich nicht los. Stellt mir nach auf Schritt und Tritt. Wirbelt mich herum in einem emotionalen Auf und Ab, um mich fallen zu lassen und dann doch wieder zum Aufstehen zu bringen. Ein wenig fühle ich mich wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Egal was ich mache, ich beginne immer wieder von vorn.
Mit zwei Unterschieden zum Film: Die Tage verstreichen weiter ins Land und – und das ist noch entscheidender – ich finde diese Wiederholungen nicht einmal schlimm. Sie haben irgendwie etwas Melancholisches, etwas Sentimentales. Ich entdecke wieder den kleinen Jungen in mir, der diese Vorfreude in sich spürt. Dem es in den Beinen kribbelt, wenn er nur einen Fußball sieht, nur daran denkt. An das Umziehen in der Kabine. Das Warmmachen auf dem mit Tau bedeckten Sportplatz. Die Ansprache des Trainers. Den Small Talk mit den Zuschauern, die uns auch 40 km in das zweitkleinste Dorf dieser Welt hinterher fahren. Das Abklatschen mit den Gegenspielern. Den kurzen Moment der Konzentration. Den Anpfiff. Den Zweikampf. Das Tor. Den Jubel. Das Gegentor. Den Frust. Den Kampf. Die Grätsche. Das Foul. Die Flanke. Den Kopfball. Den Torschuss. Das Siegtor in der Nachspielzeit. Den Jubel. Den Abpfiff. Das erneute Jauchzen. An die kurze Feier, die Bratwurst und das Bier.
Abpfiff.

Ein Ode an den Fußball

Fußball, o, Fußball.
Du bist sowohl Jäger als auch Ehefrau.
Sowohl Hölle als auch Himmel.
Sowohl Beerdigung als auch Taufe.

Du lehrst mich das Leben, die Gemeinschaft und die Spiritualität.
Du nimmst mir die Freiheit und gibst sie mir doch wieder.
Du nimmst mir die Zeit und das Geld, doch es macht mir nichts aus.
Du führst mich zusammen mit Unbekanntem und machst es mir bekannt.

Und auch wenn ich gehe, werde ich irgendwie immer wieder zu dir zurückkehren.
Du verfolgst mich und ich möchte das.
Halt mich gefangen und gib mich nicht mehr frei.
Ich mag das.

Uslar-Fürstenhagen, den 15.10.2016

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