Persönlichkeitsentwicklung: Ein guter Hype mit klugem Kern

Lange Zeit habe ich mir Gedanken über den Titel dieses Artikels gemacht, da er wie viele meiner vorherigen Artikel auch kritische Punkte ansprechen wird. Dennoch bereitete es mir Unmut meine stets kritische Position erneut mit in den Titel aufzunehmen, da dies bedeuten könnte, dass der Artikel von Anfang an missverstanden werden könnte. Um diese Möglichkeit noch einmal in ihrer Wahrscheinlichkeit zu minimieren, in aller Deutlichkeit vorweg: Persönlichkeitsentwicklung ist etwas Gutes, nahezu Geniales und ich begrüße die aktuellen Entwicklungen, womit wir auch schon beim Ursprung dieses Artikels sind.

Gezielte Persönlichkeitsentwicklung

Persönlichkeitsentwicklung ist vor allem durch die sozialen Medien zu einer gängigen Begrifflichkeit geworden, die jeder, der in diesem Bereich in irgendeiner Form tätig ist, selbstverständlich verwendet und sofort mit ihr umzugehen weiß. Doch was genau besagt dieser Begriff „Persönlichkeitsentwicklung“ denn überhaupt? Nimmt man den Begriff wie in der Grundschule auseinander, unterteilt er sich in die zwei Worte „Persönlichkeit“ und „Entwicklung“, woraus sich vollkommen logisch und richtig schließen lässt, dass er die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit beschreibt. Einfach und logisch wie in der Sesamstraße.
Entwickelt jedoch nicht jeder Mensch auf diesem Planeten seine Persönlichkeit? Genau hier sind wir an einem der wichtigsten Punkte, die mir auf dem Herzen liegen. Jeder Mensch, der auf diesem Planeten Erde sein Leben lebt, entwickelt eine Persönlichkeit und diese auch in irgendeiner Form aufgrund seiner Erfahrungen und der externen Einflüsse, denen er sich ausgesetzt sieht, weiter. Hier liegt der springende Punkt: In irgendeiner Form. Bei dem Begriff „Persönlichkeitsentwicklung“, wie ihn all die Visionäre, Unternehmer und Persönlichkeitsentwickler dieser Welt verstehen, handelt es sich ja eben nicht um „in irgendeiner Form“. Es soll ja um eine Entwicklung gehen, die mich weiter bringt, zu einem besseren Menschen macht. Einem Menschen, der sich allen Herausforderungen des Lebens gewachsen sieht, der mit allen Problemen, die auf ihn zukommen, umgehen kann, um schließlich am Ende ein glückliches und erfolgreiches (wobei man hierbei wieder darüber diskutieren kann, was „Glück“ und „Erfolg“ genau bedeuten) Leben gelebt zu haben. Der reine Begriff der Persönlichkeitsentwicklung bezieht jedoch ebenso offensichtlich unglückliche Menschen, die auch objektiv ein nicht anzustrebendes Leben führen, mit ein, da diese letzten Endes ebenso ihre Persönlichkeit weiter entwickeln – nur eben nicht in diesem Sinne, wie sie selbst es wohl gerne hätten. Passender wäre es demnach, von gezielter, geplanter, gewollter, strukturierter oder vielleicht auch positiver Persönlichkeitsentwicklung zu sprechen, um das schrittweise durchgeplante Vorgehen, um das für sich definierte Ziel zu erreichen, hervorzuheben. Deshalb sagt mir letztlich der Begriff „gezielte Persönlichkeitsentwicklung“ am meisten zu, da er vor allem das Wort „Ziel“ beinhaltet. Ohne ein Ziel ist nämlich jegliche Form der gewollten Persönlichkeitsentwicklung müßig.

„Wenn dein Warum groß genug ist, ist das Wie gar keine Frage.“ – Christian Bischoff

Auch der Begriff „Selbstoptimierung“ ist passend, da „Optimierung“ schon das Ziel, nämlich das der Verbesserung, beinhaltet. Von Selbstoptimierung ist auch des Öfteren innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung zu hören. Als feststehender Begriff, welcher wie eben „Persönlichkeitsentwicklung“ mehr oder weniger einen ganzen Markt, der dahinter steht, umfasst, konnte er sich jedoch nicht durchsetzen. Vermutlich, weil er den Menschen dann doch zu sehr mit einem Roboter gleichsetzt (Doku-Empfehlung: Ulrich protestiert – gegen die Selbstoptimierung).

Vom Flirtprofi zum Visionär

Es macht den Anschein, dass besonders in jüngerer Vergangenheit die Wichtigkeit von gezielter Persönlichkeitsentwicklung in den Vordergrund gerückt ist. Natürlich kann es auch sein, dass ich aufgrund von Betriebsblindheit und den Schneeballprozessen sozialer Netzwerke zu diesem Eindruck gelange, jedoch bin ich davon überzeugt, dass besonders in letzter Zeit auch mehr in diesem Bereich gearbeitet und vermarktet wird. Der Ursprung meines Weges zur Persönlichkeitsentwicklung liegt in einer persönlichen Krise im Jahr 2015: Als sei es Ironie des Schicksals wurden mir in der Zeit während der Phase des Liebeskummers nach der Trennung von meiner ersten Freundin (Eine Runde Mitleid bitte. Danke!) bei YouTube als Empfehlung immer und immer wieder die Videos eines Kanals mit dem Namen „Alltagsflirt.com“ angezeigt. Anfangs ziemlich verärgert über diesen Zynismus kam nach einiger Zeit doch der Punkt, an dem ich (rein zufällig natürlich) auf eine dieser Empfehlungen klickte. Nachdem ich das erste Video der beiden selbsternannten „Flirtprofis“ (dessen Name der Kanal im Laufe der Zeit auch annahm) Sebi und Manu angeschaut hatte und für „einigermaßen gut“ befand, klickte ich (rein zufällig natürlich) auch auf die zweite Empfehlung und anschließend auch auf die dritte und die vierte und fünfte und so weiter. Ziemlich schnell fand ich die beiden sehr sympathisch, sodass ich den Kanal tatsächlich abonnierte. Während ich vorher YouTube eher zum Musik hören nutzte, konnte ich nun diejenigen verstehen, die verschiedenen Kanälen dort folgten, um kein Video zu verpassen, und mehr Zeit vor dem Laptop als dem Fernseher verbrachten.
Die Tipps der Flirtprofis halfen mir innerhalb weniger Wochen auch tatsächlich dabei, eine andere Ausstrahlung an den Tag zu legen und auf diese Weise mehr Erfolg beim anderen Geschlecht zu haben. Ich schaute und las mich immer mehr in die Materie, wodurch sich mir auch mehr und mehr die etwas verruchte Welt des Pick Ups eröffnete, da ich von einem Kanal zum nächsten kam und Pick Up, wenn es um Flirt-Training geht, anfangs kaum zu umgehen ist. Die Pick Up-Szene, deren Mitglieder sich Pick Up Artists schimpfen, ist – sehr grob zusammengefasst – eine Untergrundszene, die es sich zur Wissenschaft gemacht hat, anhand bestimmter Methoden und Vorgehensweisen möglichst viele Frauen „aufzureißen“ (um es vorwegzunehmen: Ich habe es nie tatsächlich ausgeübt). Sebi und Manu von den Flirtprofis unterschied jedoch von den reinen Pick Up Artists, dass sie über diese festgelegten Methoden hinaus gingen. Sie betonten immer wieder, wie wichtig die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sei und dass ein Mann, der eine wahre, ausgereifte, authentische und mit sich kongruente Persönlichkeit ausstrahle, sich bestenfalls gar keiner bis nur noch weniger dieser Methoden bedienen müsse. Die Methoden seien schließlich nur dazu da, um den ersten Schritt zu machen. So glaube ich auch, dass es Manuel Gonzalez war, von dem ich das erste Mal die Phrase „Fake it till you make it“ sowie den von ihm erweiterten Zusatz „Fake it till you become it“ aufschnappte.

Es begab sich also zu der Zeit, dass ich mich auf in die Welt machte, um neben dem Optimieren meiner Flirt-Skills auch gleichzeitig meine Persönlichkeit zu entwickeln, sodass Hochmut vor dem Fall kam. Als ich nämlich nach verhältnismäßig sehr kurzer Zeit dachte, dass mir die Welt gehöre und ich aufgrund meines vermeintlichen Erfolges ziemlich viel Selbstbewusstsein ausstrahle, musste ich durch eine erneute persönliche Krise (Und noch einmal eine Runde Mitleid bitte) erkennen, dass ich mich zu dem Zeitpunkt wohl viel mehr in der „Fake it“- als bereits in der „Make it“- oder noch besser „Become it“-Phase befunden hatte. Aufgrund dieser wiederholten Krise landete ich nach einem halben Jahr auf jeden Fall erneut – genau – bei YouTube. Hier stellte ich jedoch fest, dass Manuel Gonzalez seinen persönlichen Kanal, den ich im Jahr zuvor ebenfalls abonniert hatte, von einem Flirt- zu einem Unternehmerkanal umorganisiert hatte. So stand als Name über ebendiesem Kanal nun dick und fett: „Manuel Gonzalez | Visionär und Unternehmer„. Ich recherchierte ein wenig und stellte fest, dass Manu auch bei den Flirtprofis nicht mehr so aktiv war wie zuvor. Es schien viel mehr so, als wäre er bei den Flirtprofis nahezu ausschließlich als Unternehmer mit mehreren Mitarbeitern unterwegs, die sich nun um das Drehen der Videos sowie um den Kanal an sich bemühten, sodass Manu selbst sich um weitere Unternehmertätigkeiten und Investitionen kümmern konnte. Auch der Kanal von Alexander Wahler, den ich bei meiner ersten Persönlichkeitsentwicklungsphase ebenfalls bereits abonniert hatte und der sich zuvor auch nahezu ausschließlich mit Life Coaching-Themen sowie Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt hatte, zeigte nun in seinen Videotiteln vermehrt die Begriffe „Unternehmer“ und „Visionär“. Beinahe zufällig kam hinzu, dass meine Mutter mich zur selben Zeit auf ein Video des Kanals „GEDANKENtanken“ aufmerksam machte, welches ich mir umgehend anschaute, weshalb ich letztlich vom Hundertsten ins Tausendste gelangte und per Video Stefan Frädrich sowie Tobias Beck und Matthew Mockridge kennen lernte.

Startups: Von Menschen, die darüber reden, und denjenigen, die es wirklich ernst meinen

Besonders letztere beiden Namen zogen immer wieder eine Linie zwischen Persönlichkeitsentwicklung und ihre Notwendigkeit für ein erfolgreiches Unternehmertum. Es ging folglich gar nicht mehr allein darum, wie ich meine Persönlichkeit weiterentwickele, um ein glückliches Leben zu führen, sondern viel mehr um mich selbstständig zu machen und ein erfolgreiches Unternehmen auf die Beine zu stellen. Schlussfolgerung daraus ist – und das betont Tobias Beck innerhalb seines Bewohnerfrei-Modells eindeutig -, dass ein glückliches und erfülltes Leben fast (!) ausschließlich in der Selbstständigkeit zu suchen ist. Doch woher kommt das?

„Wenn du das machst, was alle machen, hast du auch das, was alle haben!“ – Tobias Beck

Natürlich sehnen wir uns alle nach einem selbstbestimmten Leben, in dem uns keiner irgendwelche Vorgaben macht, wir unsere Arbeitszeiten selbst bestimmen können und wir unsere Vision verfolgen. Dies steckt allein schon in dem Wort: „Selbstständigkeit“ – wir alle kennen die häufig humorvoll gemeinte Zerlegung des Wortes in die zwei Teile „selbst“ und „ständig“, wobei die Betonung meistens auf den zweiten Teil gelegt wird, um aufzuzeigen, das man in der Selbstständigkeit nahezu nie frei hat, sondern eigentlich immer arbeitet. Doch ist vielleicht nicht der erste Teil viel entscheidender? Selbst. Ich bin ständig ich selbst. Ich kann dauerhaft daran arbeiten, MEINE Träume zu erfüllen, MEINEM Lebenszweck zu dienen und MEINEN Lebenssinn zu verfolgen. Eine traumhafte Vorstellung! Doch ist das alles auch tatsächlich nur in der Selbstständigkeit realisierbar? Ich sage: „Nein, nicht nur“, und auch Tobi Beck relativiert seine eigentliche These selbst, indem er immer wieder das Beispiel seines zeitweiligen Gastvaters in den USA anbringt, welcher letztlich „nur“ Busfahrer war, ein Beruf, den wir alle nicht sofort mit einem erfüllten Leben in Verbindung brächten. Jedoch suchte der gute Mann seine Erfüllung nicht in seiner Arbeit an sich, sondern in dem Zusammensein mit und dem Singen für die Schulkinder, welche er tagtäglich umher chauffierte. Und er fand sie.
Glück ist also doch überall zu finden – und sei es in den zwei Dritteln des Tages, welche ich nicht mit der Arbeit verbringe. Denn schlussendlich ist allein das Managen des eigenen Lebens sowie das strikte Verfolgen egal welcher Ziele schon eine selbstständige Tätigkeit.

Dennoch ist es nicht zu leugnen, dass das Arbeiten in der Selbstständigkeit inzwischen – natürlich auch aus Marketinggründen – von einigen Speakern und Coaches wieder und wieder innerhalb der Persönlichkeitsentwicklung zum Thema gemacht wird. Nicht grundlos boomt der Begriff „Startup“ in allen Medien, sodass jeder es schon cool findet, sich allein „Gründer eines Startups“ nennen zu können, während ihn der weitere Verlauf des Unternehmens beinahe wenig zu interessieren scheint. „Startup“ scheint nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern bereits das Ziel zu sein. Das Kind braucht eben immer einen Namen – und am besten einen anglizistischen.
„Startup“ beschreibt inzwischen viel mehr einen Lifestyle als die Sache an sich. Viel zu häufig wird mit einem Startup-Lifestyle aber grenzenlose Freiheit assoziiert: Aufstehen, wann man will, Frühstück im Café – oh, Verzeihung – beim Barista, Conference Calls mit angeblichen Business-Partnern, die sich gerade während ihres Sabbaticals zum Ausspannen auf Hawaii befinden, zwei bis drei Stunden richtig „hustlen“, um dann mit meiner Good Night Routine den Tag erfolgreich ausklingen zu lassen. Habe ich etwas vergessen? Ach ja! Die fünf Stunden, die ich mit meinen Freunden abends im Kino verbracht habe. Aber weil ich ja sonst so viel arbeite, muss das ja auch mal sein – man gönnt sich ja sonst nichts. Wer halt viel arbeitet, braucht halt auch mal ein wenig #qualitytime! #workhardplayhard
Ironie-Modus: Aus.

Zeige mir, wie ich richtig lebe!

Besagte Speaker wissen definitiv, wovon sie reden, da alle ausnahmslos ein aktuell hervorragend zu laufen scheinendes Business haben und somit ihre Tipps und Ratschläge goldwert sind. Darüber hinaus sind sie selbst es häufig, die versuchen, die manchmal zu sehr aufkommende Euphorie der ihnen Zuhörenden zu bremsen, jedoch werden diese Worte häufig in den Gehirnen der Zuhörer durch eben die Euphorie entfachenden Worte verdrängt. Wir lernen eben am liebsten mit Begeisterung, wobei das mit Begeisterung Gelernte besser im Kopf verankert bleibt. Ein gutes Beispiel.

Als ich vor einigen Jahren noch zur Schule ging, hatte ich meine feste Struktur bereits am Morgen: Mein Wecker klingelte um 05:42 Uhr, sodass ich noch acht Minuten Zeit hatte, im Bett liegen zu bleiben, um nicht weiterzudösen, sondern mich gedanklich auf den bevorstehenden Tag vorzubereiten. Um 05:50 Uhr stand ich auf, zog mich an, machte mein Bett (oder in den meisten Fällen auch nicht) und ging in die Küche, um mir dort mein Müsli zu machen und in Ruhe zu frühstücken, während ich entweder in der von mir abonnierten Bravo Sport oder später 11Freunde blätterte. 06:10 Uhr war die Zeit, um ins Bad zu gehen, Zähne zu putzen und mich frisch zu machen, sodass ich um 06:25 Uhr das Haus verlassen konnte, um im Laufschritt zur Bushaltestelle zu eilen, wo um 06:35 Uhr der Schulbus losfuhr.
Auch abends hatte ich meinen festen Ablauf, bevor ich ins Bett ging, was ich immer als mein „Abendritual“ bezeichnete. Diese Rituale verlor ich jedoch, als ich aus meinem Elternhaus auszog, um mein Studium zu beginnen, und in meinem neuen Leben stellte sich auch keine neue Routine mehr ein. Ich führte fortan ein nahezu klassisch unstrukturiertes Studentenleben, wobei ich doch wusste, dass mir meine jahrelangen Rituale und Routinen dabei halfen bzw. es mir erleichterten, durchs Leben zu gehen.
Erst dieses Jahr stellte ich innerhalb meiner neuen Beschäftigung mit Persönlichkeitsentwicklung und Selbstoptimierung fest, dass solche Rituale auch von anderen Menschen durchgeführt und weiter empfohlen werden. Jedoch sprach hier keiner von Ritualen, sondern von „Morning Routines“ und „Life Hacks“. Wie hacke ich mich also so in mein Leben, dass es zu einem besseren wird? Wie überwinde ich den inneren Schweinehund? Wie gewinne ich den Kampf gegen mich selbst?

Die Frage ist: Brauche ich das alles? Brauche ich all das wirklich, um meine Ziele zu erreichen? Ist es nicht paradox, ANDERE danach zu fragen,wie ICH richtig lebe? An dieser Stelle stimme ich mit YouTuber Robert Gladitz überein, der in einem seiner Videos auf ebendiese Fragen eingeht: Brauche ich unbedingt eine Morning Routine? Muss ich auf jeden Fall alles so wie die anderen Gründer und Visionäre machen?
Life Hacks sind zumeist coole Tools (frei übersetzt: Handwerkzeuge) und wirklich hilfreich. Man darf jedoch nicht vergessen, dass diese Hacks eher Empfehlungen anderer darstellen, die IHNEN SELBST dabei geholfen haben, leichter durchs Leben zu gehen. Ob sie auch mir dabei helfen, muss ich ausprobieren und nach dem Trial-and-Error-Prinzip entweder verwerfen oder für gut befinden, um gute Hacks anschließend auch zu den meinen zu machen. An dieser Stelle spreche ich auch gerne vom Persönlichkeitsbaukasten.

„Eigne dir an, was nützlich ist, verwerfe, was unnütz ist, und ergänze es mit dem, was dein eigenes ist.“ – Bruce Lee

Letztlich geht es ja darum, seinen eigenen für sich selbst funktionierenden Weg zu finden, um an sein Ziel zu gelangen. Schließlich führen viele Wege nach Rom und man kann immer erst bestimmen, ob der gewählte Weg der richtige war, wenn man in Rom angelangt ist oder eben nicht, um in letzterem Fall die Route so zu ändern bzw. anzupassen, dass man Rom doch noch erreicht.

Angesprochener Robert Gladitz bringt dazu in seinem Video das Beispiel eines Schildes an der Toilettentür in einem Fernbus an, welches man natürlich auch von anderen stillen Örtchen kennt: „Bitte hinsetzen.“ Er schlussfolgert, dass dieses Schild letztlich ja nur dem Ziel dienen solle, dass keine Sauerei auf der Toilette entstehe, die Handlung, womit dieses Ziel (Sauerei vermeiden) erreicht werden solle, jedoch somit schon vorgegeben werde (Beim Pinkeln hinsetzen). Letztlich könne das Ziel aber auch auf andere Art und Weise erreicht werden, weshalb die Handlung folglich egal sei. Deshalb mache es manchmal einfach Sinn, von vorgegebenen Handlungsweisen abzurücken und mit den eigenen Methoden ans Ziel zu gelangen.

„Den Geist löscht nicht aus. Weissagungen verachtet nicht, prüft aber alles und nehmt an, was gut ist.“ – 1. Thessalonicher 5,19-21

An dieser Stelle mögen wiederum einige Konfuzius‘ „Der Weg ist das Ziel“ zitieren, um in diesem einen Widerspruch zu oben gemachten Darstellungen zu suchen, da laut diesem Zitat sich das Ziel durch den Weg definiere. Doch bei genauerem Betrachten mag sich dies vielleicht nur als Scheinwiderspruch herauskristallisieren: Wenn ich nämlich meine Ziele nur hoch genug stecke, kann es sein, dass ich mich am Ende auch mit dem Erreichen von nur 80 Prozent des ursprünglich gesetzten Zieles zufrieden gebe, da sich auf meinem Weg zum Ziel die Welt sowie mein Welt- und Menschenbild evtl. so verändert, dass diese ursprünglichen 80 Prozent der Zielerreichung zu meinen aktuellen 100 Prozent werden, wodurch der Weg nun zum Ziel geworden ist. Welch philosophischer Exkurs.

„Everybody has their own private Mount Everest they were put on this earth to climb. You may never reach the summit; for that you will be forgiven. But if you don’t make at least one serious attempt to get above the snow line, years later you will find yourself lying on your deathbed, and all you will feel is emptiness.“ – Hugh MacLeod

Entwicklung ist Fortschritt – auch meiner Persönlichkeit

Nun ist es doch wieder ein Artikel mit sehr kritischem Ton geworden, jedoch will ich meine Gedanken auch nicht verschweigen. Sie sind nun einmal da und ich denke, dass viele die angesprochenen Punkte verstehen können. Zudem würde ich mir diese Gedanken schließlich nicht machen, wenn ich nicht Teil dieses Bereiches wäre, denn auch mein Ziel ist es, meine Persönlichkeit gezielt weiter zu entwickeln und mich selbst vielleicht auch zu optimieren. Sowohl körperlich als auch mental. Ein Leistungssportler wird aus mir zwar nicht mehr – der Zug ist mit 16 Jahren abgefahren -, aber dennoch will ich natürlich (meine tägliche Arbeit lässt es gar nicht anders zu) auch meinen Körper – und damit reflektorisch auch meinen Geist – im Rahmen seiner Möglichkeiten, solange es bei den Bedingungen, denen er sich ausgesetzt sieht, maximal möglich ist, gesund halten und trainieren.
Ein Fehler, den ich – wie in vielen anderen Bereichen auch schon – anfangs erneut gemacht habe, war, dass ich jedem, der im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung seine Erfahrungen weiter gegeben hat, geglaubt habe und dabei des Öfteren auf nicht miteinander vereinbare Widersprüche gestoßen bin, die mich viel mehr verunsichert als weiter gebracht haben. Dadurch wurde ich auch hier erneut zu kritischer Reflexion gezwungen, weshalb ich aber noch immer überzeugt vom Großen und Ganzen bin: Dem Grundsatz, die beste Version seiner Selbst erreichen zu wollen, da er aufzeigt, dass es nicht um Vergleiche mit anderen geht, sondern nur darum, das beste aus sich und seinen gegebenen Möglichkeiten zu machen, um das Maximum aus seinem Leben herauszuholen.

„Der purpurrote Saum des Imperators ist nichts weiter als Schafshaar, das mit Schneckenblut beschmiert worden ist.“ – Marcus Aurelius: Wenn die Dinge auf ihre Bestandteile reduziert werden, haben sie nur noch geringe Bedeutung (entnommen aus dem Film „Unter Freunden“)

In diese Richtung, das maximal Mögliche anzustreben, zielte wahrscheinlich auch Jürgen Klinsmann mit seiner 2008 wärend seines Amtsantritts beim FC Bayern getroffenen Aussage: „Ich will jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen.“ Leider war seine Formulierung bzw. viel mehr die Erklärung dieses Statements nicht allzu glücklich gewählt, sodass sie missverstanden und anschließend natürlich gegen ihn verwendet wurde. Der Rest ist Geschichte.
Letztlich geht es aber genau darum: Jeden Tag ein kleines bisschen besser zu werden. Das beinhaltet jedoch auch Rückschläge, da auch negative Erfahrungen uns lehren. Aus Fehlern lernt man – eine Phrase, die mir meine Oma als Kind schon immer einprägte. Und manchmal macht man manche Fehler sogar zweimal, versucht einen anderen Weg, der wiederum scheitert, und auch aus diesem Scheitern ziehen wir unsere Lehren.

Ich selbst versuche mir inzwischen wieder Rituale und Routinen anzueignen, da ich gemerkt habe, dass diese mir früher gut getan haben, und zwischendurch kommen immer wieder dieselben quälenden Fragen: Wo wärst du, wenn du schon früher wieder mit einer Morgenroutine begonnen hättest? Wo könntest du sein, wenn du dich schon länger gesund ernährt hättest? Gutes Argument! Dann kann ich mich jedoch auch fragen: Wo wäre ich, wenn meine Eltern mich anstatt in unseren Dorfkindergarten doch lieber in eine 30 km entfernte quattrolinguale Kindertagesstäte gegeben hätten, in der ich neben deutsch und englisch auch noch chinesisch und russisch gelernt hätte. Eben: Hätte, hätte, Fahrradkette. Das ist auch ein Punkt, mit dem man mit gezielter Persönlichkeitsentwicklung automatisch konfrontiert wird: Vergangenheitsbewältigung. Hadere nicht mit Vergangenem, sondern akzeptiere die Vergangenheit und ziehe deine Schlüsse aus ihr!

„Das Geheimnis von Veränderung besteht darin, deine ganze Energie darauf zu konzentrieren, Neues aufzubauen anstatt Altes zu bekämpfen!“ – Lars Amend

Leichter gesagt als getan –  wodurch wir an einem weiteren Punkt wären: Willensstärke. Auch wenn anfangs Dinge schwer fallen, muss ich durch meine Willensstärke nur an ihnen dran bleiben, sodass sie irgendwann selbstverständlich werden.

„Schmeiß hundert Sachen in die Luft; zwei funktionieren, dafür kriegst du aber 98-mal auf den Sack.“ – Matthew Mockridge

All das klingt so schön einfach und noch einfacher, wenn man irgendwann auf das Erreichte zurückblickt. Der Weg ist jedoch so unglaublich schwer und er tut auch manchmal weh, da man mit Veränderungen, Verletzungen sowie der oftmals angsteinflößenden Erweiterung der Komfortzone konfrontiert wird. Ich hoffe, dass es sich lohnt. Doch irgendwie weiß ich es auch. Schließlich sagte ja schon die Intuition meines zehnjährigen Ichs, dass Struktur und Ordnung im Leben hilfreich sind. Wichtig ist, dass es meine eigene Struktur und Ordnung ist. Und ganz am Ende darf ich mich dann nämlich belohnen. Belohnen mit etwas #qualitytime. #workhardplayhard

„Der Gipfel des Wahnsinn ist es, auf Veränderungen zu hoffen, ohne etwas zu verändern.“ – Albert Einstein

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