(K)Ein Zerriss: Functional Training

Während ich mit Klienten auf der Trainingsfläche eines Frankfurter Fitnessstudios trainiere, werde ich häufig Zeuge der Ersteinweisungen neuer Kunden durch andere Trainer. Auf die Frage, welche Art Training ihnen denn Spaß mache, hörte ich nun schon des Öfteren als Antwort des Kunden: „Also… Ich mag das Training an Geräten nicht so wirklich und möchte eher so Functional Training machen. Übungen mit meinem Körpergewicht. Das ist viel funktioneller als wenn ich mit Geräten trainiere, weißt du.“
Aua. Es mag arrogant klingen, jedoch erfüllt es meinen Körper an dieser Stelle häufig mit Schmerz, wobei der Grund hierfür nicht in der Blutgrätsche meines Gegenspielers am letzten Sonntag auf dem mit Maulwurfshügeln übersäten Sportplatz zu suchen ist. Viel mehr tun mir die vielen Unstimmigkeiten in diesen drei Sätzen weh. Die Fragen jedoch, die sich aus der Aussage des Kunden ergeben, sind: Ist Bodyweight-Training gleichzusetzen mit Functional Training? Findet Functional Training immer ohne Geräte statt? Meint der Kunde mit dem Wort „Geräte“ Maschinen oder auch Hanteln und Kettlebells? Was überhaupt ist Functional Training bzw. was bedeutet funktionell? Und zuletzt: Wer war bei dem Gespräch eigentlich der Trainer und wer der Kunde? (Letztere Frage soll jedoch in einem anderen Artikel geklärt werden.)

Der Beginn des Umdenkens

Wir schrieben das Jahr 2004 n. Chr., als Jürgen Klinsmann den Posten des deutschen Fußball-Bundestrainers von Rudi Völler übernahm und nahezu eine Revolution im deutschen Fußball einläutete. Es grenzte beinahe an Beleidigung unserer deutschen Sportwissenschaftler, dass Klinsmann anstelle eines altbekannten deutschen Konditionstrainers dem US-Amerikaner Mark Verstegen und sein Team von Athlete’s Performance (heute unter dem neuen Namen EXOS) sowie dem deutschen Physiotherapeuten Oliver Schmidtlein die Verantwortung für die Fitness der deutschen Nationalspieler übertrug. Infolgedessen stolzierten unsere Fußballer mit Gummibändern um die Knie im Entenmarsch über den Sportplatz und im Laufe der Jahre wurde das Wort des Konditionstrainers durch das des Athletiktrainers (, welches meiner Meinung nach besser passt, da Athletik auch koordinative Aspekte mit involviert) ausgetauscht. Anfangs durch die Boulevardzeitungen unseres Landes noch als „Gummitwist“ belächelt, galten die Übungen nach dem überraschend erfolgreichen „Sommermärchen“ der WM 2006 im eigenen Lande als der ultimative Hit, um fit zu werden, und wurden maßgeblich für den Erfolg der deutschen Elf verantwortlich gemacht. Plötzlich belächelte niemand mehr Klinsmann und sein amerikanisches Fitness-Trainerteam. Stattdessen wollte jeder nun nach deren Methode trainieren, um seine Fitness zu verbessern. Functional Training, von dem  Verstegen bzw. viel mehr Schmidtlein immer redeten, galt nun als das Nonplusultra und für die Fitness-Industrie inklusive seiner Trainer eröffnete sich nun ein großer Markt, in dem durch den Verkauf von Büchern, Seminaren, neuer Trainingsgeräte und DVDs viel Geld zu machen war.

Auf die Frage, was Functional Training denn genau sei, wurde von den Fitness-Trainern immer wieder mit denselben nahezu dogmatisch auswendig gelernten Worten geantwortet: Functional Training gehe über das Training in Maschinen hinaus, da beim freien Training mit Gewichten auch die Stützmuskulatur trainiert werde, welche beim Sitzen beispielsweise in einer Beinpresse nahezu komplett ausgeschaltet sei. Zudem trainiere man mit Functional Training sportartspezifischer, da man die Übungen den jeweiligen Anforderungen an den Sportler anpasse und so besser belastet werden könne. Des Weiteren wurde schon damals immer wieder vom Training in Muskelketten oder -schlingen gesprochen (, denen wir durch die stetige Erforschung von Myers‘ Anatomy Trains immer näher kommen) und darüber, dass es um das Training von Bewegungen anstatt von einzelnen Muskeln gehe, gesprochen.
Alles in allem eine hervorragende Idee, der ich nahezu in jedem Punkt zustimme, jedoch kristallisierten sich im Laufe der Jahre zwei große Probleme mit dem Functional Training heraus.

Unfunctional Functional Training?!

Das erste Problem sehe ich in der Spezifität des Trainings. Functional Training wurde im Laufe der Jahre zu einem Begriff der Fitness-Industrie gemacht, wodurch man sich immer mehr vom eigentlich funktionellen Grundsatz löste. Regelmäßig finden in München Functional Training Summits statt, inzwischen gibt es in der bayrischen Landeshauptstadt sogar einen Functional Training Club, nahezu wöchentlich erscheinen Bücher und DVDs über „Functional Training für XY“ und es kommen immer exotischere Trainingsgeräte auf dem Markt. Doch widerspricht das alles nicht dem eigentlichen Sinn von wirklich funktionellem Training? Was ich meine ist, dass der Begriff „Functional Training“ inzwischen doch zu einem Einheitsbrei umgewandelt wurde, sodass es heute mehr oder weniger DAS EINE Functional Training gibt. Hier verbirgt sich jedoch eine Widerspruch in sich, da DIE EINE Trainingsmethode niemals funktionell sein kann. Viel mehr wird es DIESE EINE Trainingsmethode, die bei jedem Individuum funktioniert sowieso niemals geben! Schließlich ist es für einen Sportler mit akutem Impingement-Syndrom niemals funktionell, acht bis zehn Overhead Presses mit der 24 kg-Kettlebell zu absolvieren.
Ich kann verstehen, dass sich die Fitness-Industrie danach sehnt, ein Trainingsprogramm für alle zu verkaufen, da hier das meiste Umsatzpotenzial steckt. Deshalb sind Gruppenworkouts auch ein für die Fitness-Industrie anzustrebendes Ziel, weil es schließlich den Leitspruch, mit wenig Aufwand (einem Trainer) viele Menschen (die Gruppe, bestehend aus zehn bis zwölf oder mehr Personen) innerhalb einer begrenzten Zeit zu erreichen, perfekt nachkommt. Für den einzelnen Menschen, der sich Schmerzen ausgesetzt sieht bzw. bei der Verfolgung seiner sportlichen Ziele stagniert, ist DAS Functional Training jedoch zu unspezifisch und somit auch zu unfunktionell – welch absurdes Paradoxon.
Kommen wir noch einmal zurück zu meinem Lieblingsbeispiel des Impingement-Syndroms. Laut den Gesetzmäßigkeiten des Functional Trainings wäre es nämlich unfunktionell, mit dem Klienten die altbekannten Übungen für die Schulteraußenrotation am Seilzug bzw. mit Kurzhanteln durchzuführen. Schließlich seien dies eingelenkige Übungen, die nahezu isoliert nur einen Muskel bzw. eine Muskelgruppe (in diesem Fall die Musculi infraspinatus, supraspinatus und deltoideus) ansprechen. Stempel: unfunktionell! Aber warum? Ziel des Klienten ist es doch, schmerzfrei zu werden, und ich denke, wir sind uns darüber einig, dass bei einem Impingement-Syndrom der Fokus auf die Retraktion sowie Kaudalisierung des Schulterkopfes liegen sollte. Tun diese Übungen das nicht? Eindeutiges „Doch“! Sind die Übungen deshalb nicht vielleicht doch als funktionell zu betrachten?! Die Diskussionsrunde ist eröffnet…

Neues Spielzeug für das Volk

Nachdem ich versucht habe, aufzuzeigen, dass sich Functional Training von seinem eigentlichen Grundsatz des individuell-spezifischen Trainings gelöst hat und doch zu einem Fitness-Einheitsbrei verkommen zu sein scheint, widmen wir uns nun Problem Nr. 2: den Trainingsgeräten.
Nahezu jedes neue Trainingsgerät, welches in den letzten Jahren auf dem Markt erschienen ist, musste auf jeden Fall den Stempel „funktionell“ tragen, um erfolgreich zu werden. Doch ist ein Battle Rope tatsächlich funktionell? Selten habe ich einen Basketballer auf dem Spielfeld gesehen, der in einer Half Squat Position die Seile hat tanzen lassen. Definitiv: Als allgemeines Training des Herzkreislauf-Systems (Fitnessdeutsch: Cardio-Training, wissenschaftliches Deutsch: Training des kardiovaskulären Systems) sind die Übungen mit den Seilen eine nette und spaßbringende Abwechslung, jedoch müssen wir hierbei nicht wirklich über sportartspezifisches Training diskutieren, oder? Danke.
Ich könnte noch über mehrere Trainingsgeräte lästern (Wackelbretter etc.), jedoch soll diese kleine Kritik an dieser Stelle reichen. Schließlich lebt eine ganze Industrie davon, dass diese Geräte verkauft werden.
Drehen wir jedoch den Spieß nun einmal um, um auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen: Warum trainieren wir denn nicht dauerhaft einfach komplett ohne Geräte? Gerne. Kein Problem. Ich wäre dabei. Aber auch nur wenn wir Baumstämme und Steine nicht als Geräte zählen. Machen wir uns doch einmal bewusst, wozu die Trainingsgeräte, die wir benutzen, überhaupt da sind: Letztlich imitieren sie oftmals nur ein Gewicht. Während man noch vor ein paar Jahrzehnten Baumstämme in die Luft wuchtete, bewegt man nun Kettlebells und Hanteln durch den Raum. Das Gute an letzteren ist nun einmal, dass man den Widerstand etwas leichter regulieren kann als bei einem Baumstamm, über den ich im Wald stolpere. Auf diesem steht zumeist nämlich nicht, wie viel er wiegt. Letztlich sind aber auch diese Zahlen nur dazu da, um ein Training steuern und den Erfolg messbar machen zu können. Doch zurück zu der Frage dieses Absatzes: Wir nutzen Geräte als Ersatz für eben jene alltäglichen Gegebenheiten der Natur, um Bewegungen durchführen zu können, die die Menschen auch schon vor Jahrtausenden gegen Widerstand durchgeführt haben. Ein reines Bodyweight Training ganz ohne Geräte ist folglich wiederum auch nicht als funktionell anzusehen, da es trotz unseres gesellschaftlichen Bewegungsmangels auch heute noch allein zu unserem Alltag gehört, z. B. die Wasserkiste vom Boden anzuheben (vgl. Kreuzheben/Deadlift), die Schrankteile über den Kopf zu stemmen, um sie zu tragen (vgl. Schulterdrücken/Overhead Press), oder die Einkaufstaschen mit den Händen heim zu tragen (vgl. Farmer’s Walk). Reines Bodyweight Training ist folglich ganz schön und sogar ein Teil von wirklich funktionellem Training (z. B. Klimmzüge/Pull Ups oder noch viel mehr Hangeln und Klettern, wobei man hier auch wieder nie den sportartspezifischen Kontext außer Acht lassen sollte), jedoch erweist sich die Art des Trainings ohne durch funktionelle Übungen mit Gewichten ergänzt wiederum als unfunktionell.

Der wahre Kern

Ich denke, es wird sehr gut deutlich, wie schmal der Grad zwischen Funktionalität und seinem Gegenteil ist und das „funktionell“ kein Einheitsstempel sein kann. Was für den einen funktionell ist, kann für den anderen wiederum komplett unfunktionell sein. Funktionalität bedeutet Individualität sowie Spezifität und das wird innerhalb der Fitness-Industrie mit dem Gesamtbegriff „Functional Training“ häufig vernachlässigt. Es muss uns bewusst sein, dass auch die Functional Trainer dieser Welt ihre Profi-Sportler mit anderen Übungen und Programmen trainieren als den Alltagsathleten, der zwölf Stunden am Tag sitzt und sich abends „wenigstens noch einmal bewegen [will], um nicht ganz außer Form zu geraten“. Oftmals verkauft sich diese Wahrheit jedoch nicht so gut.

Eine Sache muss ich abschließend noch etwas relativieren: In diesem (und auch im nächsten) Artikel sind besonders die Namen Mark Verstegen und Oliver Schmidtlein des Öfteren genannt worden und es wurde deutlich, dass ich mit feststehenden unindividualisierten Trainingsprogrammen aus Büchern (egal welches Trainers) sehr kritisch umgehe. Jedoch muss ich hierbei eine Sache betonen: Mark Verstegen und Oliver Schmidtlein waren der Grund, warum ich acht Jahre nach Aufnahme ihrer Arbeit für den DFB und unsere deutsche Fußball-Nationalmannschaft begonnen habe, mit meinem Studium an der Universität eine sportwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, weshalb sich die kritischen Worte dieses Artikels keineswegs persönlich gegen oben Genannte als viel mehr gegen die Gegebenheiten der Industrie richten. Ich selbst nämlich war es zu der Zeit, da auch noch zu jung und unerfahren, der wie viele andere auch Verstegens Methoden sowie Functional Training im Allgemeinen als das Nonplusultra auf einen Podest gehoben und zu wenig kritisch beäugt hat. Viel mehr kritisierte ich die Wissenschaftler, welche wiederum Verstegen kritisierten, als in ihrer Eitelkeit gekränkt und altmodisch. Heute, nach erfolgreicher Absolvierung eines Bachelorstudiums der Sport- und Politikwissenschaften sowie dem Erlernen wissenschaftlicher Methoden und kritischen Hinterfragens, sehe ich diese Trainingsmethoden etwas differenzierter und versuche nach sinnvoll und sinnlos zu filtern, weshalb ich die Sportwissenschaftler, welche ich damals kritisierte, nun doch verstehen kann. Natürlich war in diesem Artikel eher die negative als die positive Kritik des Functional Trainings herauszuhören, jedoch überwiegen evtl. sogar die sinnvollen Aspekte, die durch Functional Training Einzug in das Athletiktraining erhielten. Schließlich brauchen wir nicht darüber diskutieren, dass Kreuzheben effektiver ist als das Training in der Rückenstrecker-Maschine, weshalb das freie Training auf zwei Beinen den größten Anteil eines vernünftigen Trainingsplans ausmachen sollte. Es ging mir in diesem Artikel viel mehr darum, erneut aufzuzeigen, warum ein Fitness-Einheitsberei nicht zielführend für den einzelnen Sportler bzw. Schmerzpatienten sein kann und warum Functional Training in der Mehrheit trotz anderer Ansprüche nicht individuell genug sowie zu sportartunspezifisch ist, da es doch wieder viel mehr versucht zu generalisieren als zu individualisieren. Viel mehr fand die Generalisierung jedoch durch die Fitness-Industrie statt, da diese, wie oben bereits ausführlich dargestellt, aus Gründen der Wirtschaftlichkeit einen Einheitsbrei für gut befindet, ohne es aus marketingtechnischen Gründen natürlich öffentlich zu sagen. Schmidtlein wiederum definiert detailliert in einem Interview mit Netzathleten auch stellvertretend für andere Trainer ihre eigentliche Definition von funktionellem Training, welche positiv hervorzuheben ist, wobei es häufig jedoch leider an der Umsetzung scheitert.
Man muss letztlich unterstreichen, dass maßgeblich durch Verstegen und Schmidtlein ein Umdenkprozess im Athletiktraining des Sports weltweit vorangetrieben wurde, der notwendig war und sich im Nachhinein als fundamental erweist. Allein das durch sie vermittelte andere Denken von Training und Bewegung brachte entscheidende Vorteile. Zudem bin ich froh und stolz, dass ich mir durch einen ebenfalls oben erwähnten Functional Training Summit die Möglichkeit gegeben wurde, mich mit beiden Trainern austauschen und meine damaligen (- und auch heute noch in einigen Aspekten -) Vorbilder persönlich kennen lernen zu können
Wie in allen Lebensbereichen möchte ich nur auch im Sport-, Fitness- und Gesundheitsbereich dazu aufrufen, kritisch zu bleiben und nicht, nur weil es die breite Masse ebenso macht, blind zu vertrauen. Bis wir – egal ob im Sport oder der Medizin – eine Wunderpille oder ein Allheilmittel haben, wird die Sonne noch oftmals auf- und wieder untergehen. Bis dahin heißt es, seinen Methoden-Werkzeugkasten zu erweitern und auszusortieren und für jeden Athleten, Klienten oder Patienten ein individuelles „Programm“ zu entwerfen. Verstegen und Schmidtlein sowie andere Functional Trainer ebneten den Weg und machten den ersten Schritt eines langen Umdenkprozesses. Dennoch ist der Weg noch weit und noch viele Schritte zu gehen.

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