„Der wahre Kern des Faszien-Hypes“. Ein Kommentar über die Disputation eines Faszienforschers

„Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem der Faszien-Hype ausgespült werden wird und der wahre Kern übrig bleibt. Aus unserer Sicht wäre es wünschenswert, wenn wir diesen Zeitpunkt schnell erreichen.“  (Jan Wilke, Sportwissenschaftler und Faszienforscher)

Soeben komme ich vom Sportcampus unserer Frankfurter Goethe-Universität, wo ich als Zuhörer der ersten Disputation meines Lebens beiwohnen durfte. Mein Besuch hatte zwei Gründe. Zum einen war ich daran interessiert, wie ein solch universitäres Prozedere aussieht, zum anderen war das Thema der Disputation hochinteressant und zudem auch völlig im Trend: Faszien.

Der wahre Kern

Jan Wilke verteidigte im Rahmen seiner Promotion seine zuvor abgegebene kumulative Doktorarbeit vor einer universitären Prüfungskommision. Da Wilke zugleich zu meinen Dozenten im Masterstudium zählt, war ich ursprünglich mit der Überzeugung in den Vortrag gegangen, nicht mehr viel neues zu erfahren, da ich die vorgetragenen Studien bereits kannte und schon viele Vorträge Wilkes gehört hatte. Dennoch wurde ich eines Besseren belehrt und bin nun, nach Ende der Disputation, von Begeisterung entfacht.

Nach einer sehr gut aufbereiteten und hervorragend vorgetragenen Präsentation (keine Angst: die Veröffentlichung dieses Kommentars wird erst nach meiner Benotung durch Jan Wilke stattfinden) zur Einführung in das Thema und Vorstellung der durchgeführten Studien entwickelte sich die darauf folgenden Diskussionsrunde am Ende mehr oder weniger zu einer fast philosophischen Gesprächsrunde über das Bindegewebe und seine Bedeutung, sodass ich nahezu enttäuscht war, dass nicht mehr Physiotherapeuten, Osteopathen und weitere Praktiker, die mit den Faszien arbeiten, der Runde beiwohnten.

Es wurde länger als ursprünglich geplant darüber diskutiert, ob denn nun alles nur ein Hype sei und am Ende vielleicht gar nichts wahr. Prof. Banzer, Leiter der Abteilung Sportmedizin der Frankfurter Universität und Teil der Prüfungskommission, verglich den Faszien-Trend mit dem Stretching-Hype am Ende der 1970er Jahre, um schließlich die rhetorische Frage zu stellen: „Und was ist letztlich davon übrig geblieben?“

Besonders hier reagierte Wilke sehr gelassen und traf für mich die entscheidendste Aussage des Abends: „Ich würde sagen, dass sich von der ganzen Stretching-Euphorie einiges als wahr und vieles zuvor Behauptete als unrichtig herausgestellt hat. So wird es auch mit den Faszien sein: Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem der Faszien-Hype ausgespült werden wird und der wahre Kern übrig bleibt. Aus unserer Sicht wäre es wünschenswert, wenn wir diesen Zeitpunkt schnell erreichen.“

Foam Rolling und Wissenschaft

Besonders beim Thema Foam Rolling, welches häufig als das einzig wahre Faszientraining angesehen wird, wäre der wirklich wahre Kern wünschenswert, da es bis heute unter anderem heißt, dass man mit Foam Rolling die Faszie maßgeblich strukturell verändern könne. Um diese These zu unterstützen, wird sich oftmals dem berühmten Bild von der „ungesunden“ Faszie bedient, bei der es zu Wucherungen in alle Richtungen kommt, sodass die ursprüngliche Gitternetzstruktur nicht mehr zu erkennen ist, sich jedoch allein mit Foam Rolling wieder zu dem „gesunden“ Bild mit der gitternetzartigen Struktur verändern lässt. Wissenschaftlich nachgewiesen ist beim Foam Rolling aktuell „nur“ der positive Einfluss auf die Beweglichkeit (Halperin et al., 2014; MacDonald et al., 2013; Jay et al. 2014). Zudem wird aufgrund einiger Untersuchungen beim Foam Rolling ebenfalls eine verbesserte Gewebshydration vermutet (Schleip et al., 2012; Schleip & Klingler, 2007; Sommer & Zhu, 2008; Chaitow, 2009). Um es mir an dieser Stelle einfach zu machen, verweise ich insbesondere bezüglich der Hydratation auf UMs Artikel im Physio-Journal und zitiere ebenfalls aus diesem:

„[…] So kann das in den Faszien gespeicherte und »verschmutzte« Wasser, welches freie Radikale und Zytokine enthält, herausgedrückt und anschließend mit »frischem« Wasser ersetzt werden. […] Bewegungsmangel, verursacht durch Verletzungen oder eine sitzende Tätigkeit, kann die Hydratation des Gewebes einschränken. Durch den wiederholt aufgebrachten Druck der Foamroll kann eine bessere Hydratation des betroffenen Bindegewebes stattfinden. Durch Benutzung der Faszienrolle kommt auch Druck an die Stellen, welche unter dem Bewegungsmangel leiden, was wiederum die Rehydrierung fördert.“

Über die Fragen, wie und warum diese beweglichkeitssteigernden Effekte jedoch zu Stande kommen, tappt die Wissenschaft noch im Dunkeln, wenngleich es einige Theorien darüber gibt.
Trotz einiger Fragezeichen im Bereich des Foam Rollings bzw. des Self-Myofascial Release (SMR) ist die mögliche Erweiterung der Beweglichkeit bei keinem Verlust an Maximalkraft nicht wegzudiskutieren, weshalb Foam Rolling ein gut nutzbares Tool innerhalb des Beweglichkeitstrainings ist.

Nicht schwarz, nicht weiß

Insbesondere in jüngerer Vergangenheit wird mir immer mehr bewusst, dass manche noch so hochgejubelten und gelobten Artikel in den Zeitschriften und die Beiträge im Fernsehen zu unserem Bindegewebe Aussagen als wissenschaftlich bewiesen verkaufen, welche meilenweit davon entfernt sind. Oftmals gibt es nur Hinweise, noch viel öfter handelt es sich allenfalls um Hypothesen. Wir dürfen nicht alles glauben, was uns verkauft wird, da wir immer bedenken müssen, dass viele Menschen Geld verdienen wollen. Besonders bei solchen Hypes wie dem der Faszien versuchen viele Menschen noch den letzten Rest Geld, der damit zu machen ist, aus dem Schwamm herauszupressen – koste es, was es wolle. Man sieht es an Faszien-Summits, man sieht es an Foam Rollern mit Vibrationsfunktion für 80€, man sieht es an CDs mit autogenem Training für die Faszien und man sieht es auch an Büchern mit besonders guter Ernährung nur für die Faszien. Es ist an der Zeit, wo wieder Normalität einkehren sollte. Lasst euch nichts verkaufen, schaltet euren Kopf ein und vertraut Leuten mit wirklicher Kompetenz und Expertise im Hintergrund. Die Welt ist nicht immer schwarz oder weiß. Manchmal, wenn ich aus dem Fenster schaue, ist sie auch grau. Vielleicht regnet es ja auch mal bald in der Fitness-Industrie. Warum? Damit der wahre Kern sich zeigt.


Literatur:

Chaitow L. (2009) Research in water and fascia. Microtornadoes, hydrogenated diamonds and nonocrystals. Massage Today 6: 1–3.

Halperin I., Aboodara S.J., Button D.C., Andresen L. L., Behm D.G. (2014): Roller Massager improbes range of motion of plantar flexor muscles without subsequent decrease in force parameters. Int. J. Sports Physical Therapy 9 (1): 92–102.

Jay K., Sundstrup E., Sendergraad S. D., Behm D., Brandt M., Sarvoll C.A., Jakobsen M.D., Andresen L. L. (2014): Specific and cross over effects of massage for muscle soreness: Randomized controlled trail. Int J Sport Physic Therapy 9(1): 82–91.

MacDonald G. Z., Penney M.D., Mullaley M. E., Cuconato A. L., Drake C.D., Behm D.G., Button D.C. (2013): An acute bout of self-myofascial release increases range of motion without a subsequent decrease in muscle activation or force. J Strength Cond Res 27(3): 812–821.

Schleip R., Duerselen L., Vleeming A., Naylor I. L., Lehmann-Horn F., Zorn A., Jäger H., Klingler W. (2012): Strain hardening of fascia: static streching of dense dibrous connective tissue can induce a temporary stiffness increase accompanied by enhaced matrix hydration. Journal of Bodywork and Movement Therapy 16(1): 94–100.

Schleip R., Klingler W. (2007): Fascial strain hardening correlates with matrix hydration changes. In: Findley T.W., Schleip R. (Hrsg): Fascia Research – basic sience and implications to conventional and complementary health care. Elsevier, München: 51.

Sommer A.P., Zhu D. (2008): From microtornadoes to facial rejuvenation: implication of interfacial water layers. Crystal Growth and Design 8: 3.889–3.892.

4 Kommentare

  1. Was für ein Wichtigtuer – studiert noch aber schreibt Komentare als wäre er selbst Forscher- es hört sich nach viel Neid an.
    leider hatte dieser Mensch keine Vision wie eine Handvoll Menschen die dem Thema Faszien weit mehr Bedeutung zugetraut haben als die Jennifer die nur glauben was ihnen an der Uni erzählt wird.
    Mit so einer Einstellung wird es keinen Fortschritt geben.
    Schwache Vorstellung!
    JKD

    • Hallo JKD,
      danke für deinen Kommentar. Da ich meinen Mund selten halten kann, wie du merkst, möchte ich gerne darauf Bezug nehmen.
      Du hast Recht: Ich bin ein Wichtigtuer. Ansonsten hat kein Mensch dieser Welt die Motivation, einen Blog zu führen. Ich glaube auch vieles, was mir an der Uni gelehrt wird, jedoch arbeite auch ich praktisch und somit mit Dingen, die nicht oder noch nicht belegt sind. Foam Rolling zum Beispiel finde ich ziemlich cool 🙂
      An einem Punkt muss ich stark widersprechen: Einem jungen Menschen, der dabei ist einen Blog und ein Therapiekonzept aufzubauen, vorzuwerfen, dass er keine Visionen hat, das kann verletzen – muss es aber nicht 😉 Ich liebe kritische Äußerungen, da sie dazugehören, und deshalb mag ich es, für diesen Blog zu schreiben.
      Zudem muss ich noch sagen, dass ich kein Faszienforscher bin, da ich damit nicht mein Geld verdiene, ich aber nun an mehreren Studien, die du aus der Frankfurter Ecke liest, mitgearbeitet habe.

      Letztlich möchte ich dir noch eine Frage stellen: Wer ist Jennifer? Weiß deine Frau von ihr?

      Liebe Grüße und danke

  2. Ich finde es gut das auch einmal ein kritischer Artikel geschrieben wird. Warum nicht und hinterfragen ist sowieso immer wichtig. Ich therapiere Faszien in Hamburg und muss sagen das die Methode bei der myofaszial gearbeitet (manipuliert) wird sehr effektiv ist. Im März 2017 war ich auf der CONNECT in Ulm-2.internationaler Faszienkongress. Ja die Forscher sind sich nicht einig und auch die Forschungsergebnisse sind noch sehr rar bzw. liegen in den Kinderschuhen..
    trotzdem gibt es immer mehr Erkenntnisse zu den Faszien und Zusammenhänge vieler Volksleiden sind zu erkennen die mit a)verkürzten Muskeln und b) dem entsprechend angepassten faszialen Netz zu tun haben.
    Essentiell ist vorallem die Funktionalität der Muskeln, denn bei langen geschmeidigen Muskeln können wir uns frei bewegen!
    Grüße aus Hamburg Nasrin Schneider

    • Hallo Frau Schneider,
      vielen Dank für das Feedback 🙂 Und sehr interessant zu lesen, dass Sie auch auf dem CONNECT in Ulm waren. So kann es sehr gut sein, dass wir uns über den Weg gelaufen sind, da wir als Autoren von Elementary Motion auch vor Ort waren und sogar die Ehre hatten, einen Postervortrag zu unserer Foam Rolling-Studie zu halten 🙂 Zudem haben Sie dann ja bestimmt auch die Keynote Lecture vom im Artikel angesprochenen Protagonisten, Jan Wilke, gehört.
      Definitiv gibt es immer mehr Erkenntnisse im Bereich unseres Bindegewebes. Wichtig ist dabei jedoch vor allem die richtige Interpretation der Ergebnisse und daran scheitert es leider häufig, was das Thema auch so aufgeladen erscheinen lässt. Um deshalb seriös zu arbeiten, ist es auch nicht schädlich, zuzugeben, dass man manche Dinge eben noch nicht weiß, da die Wissenschaft dort noch nicht so weit ist, um anschließend dann jedoch zu erklären, was man persönlich glaubt, um den Patienten/Klienten die Möglichkeit zu geben, abzuwägen und daraufhin Entscheidungen zu treffen.
      Essentiell ist vor allem die Funktionalität unseres Körpers: Große Muskelberge nützen uns wenig, wenn das Herz nicht mitspielt, ein gesundes Herz wiederum nichts, wenn die Muskeln versagen, und dehnfähige Muskulatur daraufhin wenig, wenn das Bindegewebe der Gelenkkapsel nicht mitspielt. Viel zu oft propagieren wir Holistik und Ganzkörperlichkeit, handeln aber viel zu selten danach. Viel zu oft lassen wir Dinge schwer erscheinen, wo sie doch so einfach sind, vereinfachen jedoch jene, die sich wiederum etwas komplexer darstellen. Das Leben ist nicht immer schwarz und weiß, oftmals ist es auch bunt 🙂
      In diesem Sinne viele Grüße aus der Frankfurter Goethe-Uni
      PN

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