Zeit ist Geld

Sowohl in der Therapie von Verletzungen als auch im Training zum Erreichen sportlicher Ziele spielt Zeit ein große und wichtige Rolle. Umso schneller der Athlet wieder spiel- bzw. wettkampfbereit ist und umso schneller der Athlet sich in seiner sportlichen Leistungsfähigkeit verbessert, desto besser für Trainer und Athleten. Über Umwege ist also auch an dieser Stelle die berühmte Phrase „Zeit ist Geld“ zutreffend. Wie jedoch spare ich Zeit in Therapie und Training?

One-fits-all-Trainingsprogramme

In vielen von bekannten Kraft- und Konditions- bzw. Athletiktrainern geschriebenen Trainingsbüchern findet man Trainingsprogramme, die verschiedenen Trainingspläne über mehrere Wochen darstellen und verschieden Übungsprogressionen beinhalten. Egal auf welchem Stand der Athlet also ist, muss er in jedem Falle von vorne anfangen. Ist das wirklich zeitsparend? Zudem muss man sich fragen, ob man wirklich die vollständige Übungsprogression „durchziehen“ muss, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Orientieren wir uns an dem Beispiel Dynamic Glute Bridge bzw. Hüftheben:

Michael Boyle beschreibt in seinem Trainingsprogramm Functional Training  als erste Stufe der zugehörigen Progression das Hüftheben nach Gray Cook (Boyle, 2010, S. 90; Abbildung 1).

Hüftheben-Progression_Boyle_Stufe1
Abbildung 1: Hüftheben nach Gray Cook

Über eine Übungsprogression, welche mehrere Übungen (z. B. Hyperextensions, Kreuzheben, einbeiniges Kreuzheben, etc.) beinhaltet, soll man den Körper darauf trainieren, nach einiger Zeit die Übung von Stufe 4 zu erreichen: Einbeiniges Hüftstrecken am Gymnastikball (Boyle, 2010, S. 97; Abbildung 2).

Neuro Athletic Training

Boyles Herangehensweise der stufenweisen Steigerung und Erhöhung der Schwierigkeitsgrade ist plausibel, nachvollziehbar und wird höchstwahrscheinlich auch funktionieren (meine eigene Erfahrung kann ein Funktionieren der Progression bestätigen), jedoch frage ich mich, ob es nicht auch schneller geht von Stufe 1 auf Stufe 4 zu springen, um Zeit zu sparen, da eine Progression nach Boyles Konzept mehrere Wochen in Anspruch nimmt. Mir fällt nämlich auf, dass Michael Boyle (auch wenn ich Boyle an dieser Stelle immer wieder als Beispiel heranziehe, gehen viele weitere Autoren so vor) das neuronale System, welche für die Innervation der benötigten Muskulatur zuständig ist, nahezu völlig unbeachtet lässt. Lange Zeit habe ich selbst das Nervensystem komplett ignoriert und als unnötig erachtet, da ich mich zu stark auf die strukturelle Ebene konzentrierte, jedoch öffnete mir ein schon oftmals erwähnter Vortrag von Lars Lienhard, welcher mit unseren Nationalspielern bei der WM 2014 in Brasilien arbeitete, und Martin Weddemann von Focus On Performance die Augen für das zentrale und periphere Nervensystem. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich näher mit unseren Nervenzellen und unserem Gehirn und trotz anfänglicher großer Skepsis sowie Angst vor einem erneuten Verkaufsschlager wurde mir während des Vortrags bewusst, dass das von ihnen begründete Neuro Athletic Training (NAT) tatsächlich das Potenzial besitzt, innerhalb weniger Tage und manchmal sogar Sekunden häufig angestrebte Ziele wie eine erhöhte Rumpfstabilität zu erhöhen. Ich konnte mit meinen eigenen Augen sehen, wie Lienhard Zuhörer des Vortrags innerhalb der oben angesprochenen Progressionen innerhalb von Sekunden von Stufe 2 auf 4 brachte, was mich sehr beeindruckte.

Hüftheben-Progression_Boyle_Stufe4
Abbildung 2: Einbeiniges Hüftstrecken am Gymnastikball

Denkt man einen Schritt weiter, wird einem bewusst, dass auch der Score des Functional Movement Screens sich evtl. auf diese Art und Weise viel schneller verbessern lässt, wodurch demnach auch wissenschaftlich nachweislich das Verletzungsrisiko sinkt. Natürlich sollten diese Wunschvorstellungen auch handfest untersucht werden, aber dennoch sehe ich im Neuro Athletic Training ein großes Potenzial, um Zeit zu sparen (wie in vielen weiteren Methoden übrigens auch).

Ganzheitlich denken

Dieser Artikel soll keineswegs ein Werbeartikel für Focus On Performance oder Neuro Athletic Training sein, jedoch geht es mir darum, dass wir mit den uns zur Verfügung stehenden bestmöglichen Methoden arbeiten, um in der Therapie und im Training schnellstmöglich vorgehen zu können. Dazu gehört einerseits Weiterbildung, um ebendiese neuen Methoden zu erlernen, und auch Offenheit gegenüber neuen Dingen sowie der Mut, sich von langjährig bewährten Vorgehensweisen zu lösen. Es ist die Aufgabe der Trainer, den Athleten so schnell wie möglich fit zu bekommen. Dafür darf man kein System im Körper ignorieren. Auch ich musste lernen, dass es nicht immer ausschließlich um die strukturellen Systeme wie beispielsweise das myofasziale oder muskuloskelettale System geht (häufig verlässt man sich allein hierauf, da diese Systeme anschaulicher sind), sondern auch das neuronale System, welches eben schwieriger sichtbar zu machen ist, immer eine Rolle spielt. Wenn wir den Körper also ganzheitlich sehen, können wir viel Zeit sparen, was besonders im Leistungssport entscheidend ist. Und letztlich ist Zeit Geld – für alle Beteiligten.
Langfristig sollen auf diesem Blog die Methoden vorgestellt werden, von denen wir glauben, dass sie uns als Trainern und Therapeuten dabei helfen, Zeit zu sparen.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*