Foam Rolling und der Tractus Iliotibialis. Ein Kommentar

Kürzlich bin ich im Internet über einen Artikel gestolpert mit dem Titel Ilio-tibial Band: Please do not use a foam roller. Der Autor dieses Blog-Eintrags ist Andrew Franklyn-Miller, welcher bereits Redner auf dem Fascia Research Congress war. Bereits durch die plakative Überschrift etwas verwundert, begann ich den Artikel zu lesen:
Franklyn-Miller beschreibt drei verschiedene anatomische Studien, die er über den Tractus iliotibialis (TIT) und seiner Anatomie an Leichen vorgenommen hat. Er erwähnt, dass sie deutliche Verbindungen von M. gluteus maximus und M. tensor fascia lata fanden, was genau mit den von uns beschriebenen Verbindungen im Knie-Artikel übereinstimmt. Ausserdem fanden er und seine Kollegen keine Bursa zwischen dem lateralen Femurcondylus und dem darüberliegenden TIT.
Weiter beschreibt er wie sie bei Kadavern verschiedene Dehnungen durchführten, um zu ergründen, wodurch die meiste Dehnung auf den TIT wirkt. Die größte Spannungszunahme konnte hier bei einer Dehnung mit Adduktion und Flexion in der Hüfte gemessen werden. Deshalb schlägt er eine modifizierte Dehnung der lateralen Kette vor.
Im letzten Teil beschreibt er, wie Sie bei Kadavern durch Dehnung nur eine 0,2-prozentige Längenzuname im TIT messen konnten.
Aus diesen Ergebnissen zieht er den Schluss den TIT nicht zu rollen, da es nur zu einer Irritierung des M. vastus lateralis und des Fettkörpers kommt. Sowie dass man seine Aufmerksamkeit den Muskeln widmen sollte, die in ihn einstrahlen.

Meiner Meinung nach zieht Andrew Franklyn-Miller die falschen Schlüsse aus seinen Studien und berücksichtigt leider keine anderen Erkenntnisse über das Foam Rolling.
Ich bin sehr wohl der Meinung, dass der TIT gerollt werden sollte denn:
Foam Rolling dient der Rehydration des faszialen Gewebes sowie dem Anregen der Blutzirkulation, was letztendlich zur Folge hat, dass der Stoffwechsel in der Beinaussenseite gesteigert wird.
Einen „faszialen Release-Effekt“ welcher vermutlich nur durch Scherkräfte erzeugt werden kann, findet beim bloßen Rollen nicht statt (Rodriguez und Galan, 2015). Das Gewebe wird nur wie ein Schwamm ausgepresst, um sich hinterher wieder vollzusaugen (Schleip et al. 2012).
Durch eine Spannungszunahme über einen länger Zeitraum der Hüftabdukturen kommt es durch ihre Verbindung mit dem TIT ebenso in ihm zu einem Remodeling der Fasern (Schleip et al. 2014) oder zur Veränderung des lockeren Bindegewebes (v.a. Hyaloronan) was als Densification bezeichnet werden kann (Pavan et al. 2014). Da der TIT ein wichtiges Bindeglied zwischen Hüfte, Knie und Unterschenkel darstellt und diese durch seine Spannungsübertragung maßgeblich beeinflusst (Wilke et al. 2015), sollte sehr wohl auf ihm gerollt werden.
Niemand spricht von einem übertrieben schmerzhaften Bearbeiten des TIT, aber das Vermeiden des Rollens auf ihm ist genauso wenig zielführend.
Jene Studie, in welcher sie an Präparaten nur eine 0,2-prozentige Dehnung messen konnten, empfinde ich als nicht aussagekräftig, da dies nicht die wahre Funktion des TIT während des Gehens widerspiegelt.
Denn genau hier, beim Gehen, kommt dem TIT eine wichtige Rolle zu, da er als massiver Speicher von Bewegungsenergie dient. Besonders beim Rennen oder Joggen speichert er 7-mal so viel Energie wie beim Gehen, was mittlerweile von Eng et al. (2015) gezeigt werden konnte.

Mein Fazit:

Bei einem Runner’s Knee (auch wenn der Haupttäter zumeist in der Hüftgegend liegt), nach einem anstrengenden Workout oder nach Trainingseinheiten mit Laufanteilen, kann man sehr wohl den gesamten TIT bearbeiten und ausrollen. Eine Tensegrity-Sichtweise unseres Körpers, nach welcher Zug und Druck im ganzen Körper übertragen und ausgeglichen wird, legt dies zugrunde. Wichtig jedoch, wie bei allen therapeutischen Interventionen (insbesondere in Bezug auf das oben angesprochene Runner’s Knee) ist das regelmäßige Wiederholen des (Self-)Myofascial Release des TIT, sodass dieser dauerhaft geschmeidiger und entspannter wird.

Wer mehr über Foam Rolling wissen möchte, ist dazu eingeladen, meinen Artikel im Physio-Journal zu lesen. Darin biete ich eine Übersicht vieler wissenschaftliche Studien, die sich mit Foam Rolling befassen. Oder ihr lest ihn gleich hier: Foam Rolling-Artikel im Physio-Journal


Literaturverzeichnis:

Pavan PG, Stecco A, Stern R, Stecco C, Painful Connections: Densification Versus Fibrosis of Fascia, Curr Pain Headache Rep (2014) 18:441

Eng CM, Arnold AS,Lieberman DE, Biewener AA. The capacity of the human iliotibial band to store elastic energy during running, September 18, 2015Volume 48, Issue 12, Pages 3341–3348

Wilke J, Engeroff T, Nürnberger F, Vogt L, Banzer W. Anatomical study of the morphological continuity between iliotibial tract and the fibularis longus fascia.Surg. Radiol Anat. 2015 Nov 2.

Schleip R., Duerselen L., Vleeming A., Naylor I.L., Lehmann-Horn F., Zorn A., Jäger H., Klingler W. (2012): Strain hardening of fascia: static streching of dense dibrous connective tissue can induce a temporary stiffness increase accompanied by enhaced matrix hydration.Journal of Bodywork and Movement Therapy. 2012 Jan, p.94-100

Schleip R., Findley T., Chaitow L., Huijing P. [Hersg.]: Lehrbuch Faszien; München: Elsevier, 2014

Rodriguez RM, Galán del Río F. Understanding mechano-adaptation of fascial tissues: Application to sports medicine. Fascia in Sport and Movement, Handspring Publishers, 2015

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